Tradition verpflichtet

Tradition verpflichtet heißt es ja immer. Aber wozu denn eigentlich?

Der VfB Stuttgart ist auch in der allgemeinen Wahrnehmung ein Traditionsverein: 1893 gegründet und schon seit Ewigkeiten in der Bundesliga. Deutscher Meister und Pokalsieger. Champions-League-Teilnehmer (ja da war mal was …). Verankert in der Region und doch mit Fans auf der ganzen Welt. So weit, so gut. Tradition kann beflügeln.

Im Rahmen von vereinspolitischen Themen – und hier sei natürlich insbesondere die geplante Ausgliederung genannt – kommt die „Tradition“ immer wieder als Argument für oder gegen verschiedene Dinge zur Sprache. Und hier wird aus meiner Sicht überdeutlich, wie der Begriff „Tradition“ (bzw. die Verwendung dessen in einem bestimmten Kontext) einen Verein aber auch lähmen kann.

Der Duden definiert „Tradition“ als etwas, dass in der Vergangenheit entwickelt wurde und nun von Generation zu Generation weitergegeben wird und weiterhin Bestand hat. Für die gesellschaftliche Entwicklung hat die Tradition daher einen sehr großen Stellenwert, denn aus diesen Traditionen entwickelt sich für bestimmte Gruppen schlußendlich eine „Kultur“ heraus.

VfB-Magnet

VfB-Magnet: Auch hier wird Tradition groß geschrieben

Auf dem abgebildeten Magnet hat auch der VfB dem Wort „Tradition“ einen großen Platz eingeräumt. Was bedeutet nun aber „Tradition“ im Zusammenhang mit dem VfB? Was wurde in der Vergangenheit entwickelt, was heute noch aktiv auf das Vereinsleben nachwirkt? Sicher: Das oft zitierte schwierige Umfeld ist schon so etwas wie eine Tradition. Ansonsten fällt mir dazu aber tatsächlich nicht mehr allzu viel ein – wer mir weiterhelfen kann, dann gerne einen Kommentar hinterlassen.

Ist es aber vielmehr nicht so, dass man eher von „Stolz“ sprechen muss, wenn man an vergangene Leistungen denkt? An die großen Erfolge, tolle Spieler und Trainer und unvergessliche Momente im Stadion oder auf dem Schloßplatz? Ich glaube, dass oft dieses (oft auch nostalgische) Gefühl mit dem Begriff der „Tradition“ gleichgesetzt wird. Auf dem Magneten finde ich keinen weiteren Begriff, der „Tradition“ wirklich untermauern würde (das Gründungsjahr würde ich nicht dazu zählen).

Insbesondere im Zusammenhang mit dem VfB ist für mich eine Ausprägung der Traditionskritik passend (Zitat aus Wikipedia, Fettung von mir):

Traditionskritik meint auch Kritik an Tradition als dem überlieferten, kulturellen Bestand. Tradition wird dann problematisch, wenn sich Formen verselbständigen, deren ursprünglicher Sinn verloren gegangen ist: „Vernunft wird Unsinn, Wohltat Plage“ (Goethe).

Meinem Eindruck nach wird „Tradition“ heute in der Diskussion eher als Ausdruck dessen verstanden, dass alles so bleiben soll, wie es schon immer war. „Früher als … (hier bitte eine beliebige schöne Erinnerung aus der Vergangenheit einsetzen)“. Und in dem – auch von Seiten des Vereins – das Thema „Tradition“ so hoch gehalten wird, bekommt dieser Aspekt auch automatisch mehr Legitimität. Das führt aber auch dazu, dass man Gefahr läuft, den Blick für die Zukunft zu verlieren, weil man immer nach hinten schaut. Tradition ist aber nichts ohne eine Zukunft! In einer sich immer schneller verändernden Umwelt ist es extrem wichtig, nicht den Anschluß zu verlieren. Deswegen ist es in Hinsicht auf den Verein auch absolut richtig, sich fortlaufend Gedanken über die Ausrichtung, Finanzierung usw. zu machen.  Alles Andere ist realitätsfern und meiner Auffassung nach auch schädlich für den Verein. Man kann und muss immer über die inhaltliche Ausgestaltung diskutieren, aber die Auseinandersetzung mit diesen Themen ist unumgänglich.

Ich weiß, dass es hier ganz viele abweichende Meinungen gibt. Lasst uns gerne darüber sachlich diskutieren!