Sehr geehrter Herr Reschke … (ein offener Brief an den neuen Sportvorstand)

Sehr geehrter Herr Reschke,

Herzlich Willkommen beim VfB Stuttgart, dem geilsten Verein der Welt! Ich hoffe Sie werden sich hier im Ländle schnell einleben und sich wirklich wohlfühlen können.

Die Umstände Ihrer Verpflichtung stellen schon etwas besonderes im Fußballgeschäft dar. Sehr oft ist es ja so, dass man sich von Vereinsseite von einer leitenden Person (meist aus dem Bereich Sport) trennt, wenn man zum einen unzufrieden mit der Arbeit ist und zum anderen auch der Druck von außen, also z.B. aus Richtung der Medien und Fans, zu groß wird. Zumindest letzteres war sicherlich bei der Trennung von Jan Schindelmeiser nicht der Fall, wie sich an der großen Zahl der überraschten bis wütenden Reaktionen ablesen lässt. Allgemein hatte man (und auch ich) den Eindruck, dass die Arbeit von Herrn Schindelmeiser Hand und Fuß hatte, ein klares Konzept erkennbar war und die Mannschaft gemeinsam mit dem Cheftrainer und Team weiterentwickelt wurde. Umso größer war die bereits erwähnte Überraschung über diesen Abgang in der breiten Öffentlichkeit.

Ganz unverschuldet stellen diese Vorgänge für Sie nun natürlich eine Hypothek dar. Die Art und Weise, wie von Seiten des Vereins bzw. der AG in dieser Sache gehandelt wurde, stößt auf breites Unverständnis und lenkt nun den Fokus nochmal mehr auf Ihre zukünftig Arbeit. Außerdem gibt es natürlich – auch vor dem Hintergrund der erfolgten Ausgliederung – immense Erwartungshaltungen von allen Seiten. Auch ich habe Erwartungen, die ich im Folgenden kurz darlegen möchte.

Für mich persönlich war eine der wichtigsten Entwicklungen des letzten Jahres ein spürbar gestiegenes Level an Professionalität und Seriösität. Plötzlich war es möglich, dass Spielerverpflichtungen nicht schon wochenlang in der Presse diskutiert wurden (Ausnahmen bestätigen die Regel). Vertragsverhandlungen weitestgehend im Verborgenen abgelaufen sind. Und vor allem nicht mit vollmundigen Ankündigungen Erwartungen geweckt wurden, sondern Taten sprachen (die „Träume“ von Herrn Dietrich nehme ich hier ganz bewusst aus). Erhalten Sie bitte diese Professionalität, agieren weiter so seriös und lassen sich nicht von gewachsenen Strukturen im und um den Verein von dieser Linie abbringen.

Bekennen Sie sich zu dem eingeschlagenen Weg des VfB: Spieler mit Perspektive – wenn möglich aus der eigenen Jugend – aufzubauen und wo nötig punktuell mit erfahrenen Spielern zu unterfüttern. Der VfB Stuttgart braucht meiner Meinung nach keine „Stars“, die man für viel Geld von außen kauft (wir sind hier in Stuttgart in diesem Punkt gebrannte Kinder). Vielmehr sollte es das Ziel sein, solche Spieler wieder mit einer gewissen regelmäßigen Verlässlichkeit im Verein selbst zu entwickeln. Die „Jungen Wilden“ sollten nicht nur ein Attribut für bestimmte Spielergenerationen sein, sondern ein dauerhaftes Markenzeichen werden. Mir ist klar, dass das Zeit braucht und es keine Garantien gibt. Umso wichtiger ist es aber, jetzt die entsprechenden Strukturen zu schaffen. Das Thema Scouting gehört ja zu Ihrem Spezialgebiet und scheint wohl beim VfB weiter stark ausbaufähig zu sein. Packen Sie es an!

Den Zusammenhang Ihrer Verpflichtung mit der Ausgliederung habe ich ja bereits erwähnt. Jan Schindelmeiser war neben Hannes Wolf DAS Gesicht, dass viele Mitglieder dazu bewogen hat, mit „Ja“ zu stimmen. Die schon geschilderte Seriösität und Professionalität, aber auch die Klarheit in der Ansprache haben die Hoffnung geweckt, diesem Führungsgremium die mit der Ausgliederung einhergehende Verantwortung zu übertragen zu können. Sorgen sie dafür, dass dieses Vertrauen erneuert wird! Behalten Sie sich trotz aller notwendiger Arbeit im Team eine gewisse Unabhängigkeit und lassen sich nicht in das VfB-Geklüngel mit reinziehen. Werden SIE das neue Gesicht für eine nachhaltig positive Entwicklung des Vereins. Wie auch der Präsident in seinem Statement zur Entlassung von Jan Schindelmeiser gesagt hat: „Letztlich steht der VfB Stuttgart über allem und es ist unsere absolute Pflicht, Entscheidungen ausschließlich im Sinne des Vereins und im Sinne einer positiven Entwicklung zu treffen.“ Orientieren Sie sich genau daran!

Und zuletzt: Arbeiten auch Sie weiter daran, dass Trainer und Mannschaft in einem Klima des Vertrauens agieren können und möglichst frei von äußeren Einflüssen bleiben. Die letzte Saison war nur möglich, weil alle Teile des Vereins eine Einheit gebildet haben. Dies gilt es zu erhalten und weiter auszubauen. Sowohl Hannes Wolf und sein Team als auch die Mannschaft brauchen Zeit, um sich zu entwickeln. Verschaffen Sie ihnen diese Zeit.

Herr Reschke, das Päckchen, das Sie zu tragen haben werden, ist groß und schwer. Ich wünsche Ihnen persönlich, dass Sie trotz dieser Herausforderungen gut in Ihre neue Aufgabe starten und im Sinne des Vereins die Entwicklung weiter vorantreiben können. Wo es Herausforderungen gibt sind auch immer Chancen. Nutzen Sie diese zum Wohle des VfB Stuttgart!

Vielleicht lernen wir uns ja mal auf einer Veranstaltung oder bei der Mitgliederversammlung kennen, mich würde es freuen.

Mit weiß-roten Grüßen

Ron Merz
(lebenslanges Mitglied des VfB Stuttgart 1893 e.V.)