Bis der Kessel platzt

Wir Fans des VfB Stuttgart (oder zumindest einige davon) müssen Masochisten sein! Anders kann ich mir nicht erklären, mit welcher Lust, Intensität und Ausdauer immer wieder negativ über alle möglichen Dinge rund um den VfB „diskutiert“ wird. Aber von Anfang an …

Wir schreiben den 21. Mai 2017. Gerade eben ist der VfB als Meister der 2. Bundesliga nach einem Jahr wieder aufgestiegen. Die Saison war nicht immer souverän, am Ende hat man aber das von Anfang an ausgegebene Ziel erreicht. Die Menschen liegen sich im Stadion, auf dem Wasen und sonstwo in den Armen und feiern diesen erfolgreichen Abschluss der Spielzeit 16/17. Alles gut! Seit dem ist Einiges passiert …

Die Mitglieder haben am 1.6. die Ausgliederung beschlossen. Wie zu erwarten war, hat dies wieder einige Gräben zwischen Befürwortern und Gegnern aufgerissen, die man im Verlauf der Saison „zurückgestellt“ hatte. Die außerordentliche Mitgliederversammlung war zwar aus Sicht des Vereins ein Erfolg, hat aber nicht nur bei mir einen schalen Beigeschmack hinterlassen. Immerhin konnte man sich etwas daran aufrichten, dass man mit dem Sportvorstand und dem Trainer ein Duo hat, dass durchaus eine neue Perspektive für den Verein aufbauen kann.

Spulen wir ein paar Wochen vor (die Transferperiode läuft, die Mannschaft bereitet sich auf die Saison vor) und plötzlich steht der VfB ohne Sportvorstand da. Für viele wie aus heiterem Himmel (naja fast: Gunter Barner hatte das in einem Artikel schon vorbereitet) wird Jan Schindelmeiser aus bis heute nicht öffentlich bekannten Gründen entlassen. Der Jan Schindelmeiser, der mit seiner Art, einem Konzept und entsprechenden Handlungen dem am Boden liegenden VfB neues Leben eingehaucht hat. Futsch! Aus!

Als Nachfolger wird Michael Reschke präsentiert (an den ich dann einen offenen Brief formuliert habe), der sich bisher vor allem in Leverkusen und bei Bayern München einen Namen gemacht hat und als ausgewiesener Kenner des Spielermarktes gilt. Er hat nur noch wenige Tage in der zu Ende gehenden Transferphase seit, den Kader zu vervollständigen. Inwieweit er hier noch auf die schon vorliegende Liste zurückgreift oder noch eigene Ideen mit einbringen kann ist unklar. Dieser Tage fällt er vor allem aber damit auf, indem er Kritiker der Transfers als „Vollidioten“ bezeichnet.

Sportlich läuft es so mittelmäßig. Man mogelt sich in die zweite Runde des DFB-Pokals, verliert das erste Spiel in Berlin, holt im ersten Heimspiel drei Punkte gegen Mainz und muss sich schließlich auf Schalke mit 3:1 geschlagen geben. Leider hat man gleichzeitig auch einige Ausfälle durch Verletzungen zu verkraften, die die Mannschaft schwächen.

Das ist die aktuelle Lage und der Boden, auf dem wilde Diskussionen prächtig wachsen und gedeihen.

Natürlich wird sich ausdauernd an den „Vollidioten“ abgearbeitet. Sicherlich eine völlig unangemessene Bemerkung und eines Vorstandes einer AG nicht würdig. Dieser Ton sollte nicht im Verein und seinem Umfeld angeschlagen werden! Die Dankbarkeit, mit der manche dies aber aufnehmen finde ich aber ebenso fraglich. Für manche Personen liegt hier sicherlich eine grundsätzliche Unzufriedenheit mit Personalien im Verein bzw. der AG zugrunde. Der Präsident ist nicht gut gelitten und auch der Aufsichtsrat hat nicht nur Freunde (durchaus nicht immer zu unrecht). Da mag es dann eine Steilvorlage sein, wenn man die Entgleisung Herrn Reschkes zum Anlass nehmen kann, hier mal wieder Dampf abzulassen.

Natürlich wird auch über die (neuen) Spieler diskutiert. Die sind teilweise, so die Einschätzung, von der Resterampe (liebevoll auch als „Reschkerampe“ bezeichnet), Alibi-Fussballer oder zu alt. Klassifizierungen übrigens, die ich persönlich teilweise als ebenso schwierig empfinde wie die Äußerungen von Michael Reschke. Gut, einen „Gift-Gaucho“ gibt es jetzt immerhin auch (und wir freuen uns alle schon, wenn er das auf dem Platz zeigen kann).

Wie jedes Jahr steht natürlich auch der Mannschaftskapitän Christian Genter schon früh wieder in der Kritik. Er ist unscheinbar, Mitläufer oder steht im Weg. Und eine Mannschaft führen kann er ja eh nicht. Dass er offensichtlich schon bei mehreren Trainern ein Standing erarbeiten konnte, scheint hier wenig relevant zu sein. Das Michael Reschke ihm in Interviews den Rücken stärkt, gereicht ihm in dieser Situation in der Wahrnehmung mancher eher zum Nachteil.

Und zuletzt muss selbstverständlich auch bereits zu dieser frühen Phase der Saison die Trainerfrage gestellt werden. Scherzhaft natürlich, denn man hat hier den vergangenen Jahren ja auch so einiges mitmachen müssen. Trainer gaben sich die Klinke in die Hand, der Erfolg blieb aber aus. Bekanntermaßen ist das Spiel gegen Augsburg immer der Gradmesser für jeden Trainer. Wer dies überlebt hat gute Karten, eine für den VfB der letzten Jahre überdurchschnittliche Amtszeit erleben zu dürfen.

Nun sollte man diesen Text nicht falsch verstehen! Natürlich kann, soll und muss man über viele Dinge beim VfB sprechen. Am Ende ist dies ja auch ein Zeichen dafür, wie sehr der Verein vielen Leuten am Herzen liegt. Niemand muss auch mit allem konform gehen oder handelnde Personen sympathisch finden. Eine gewisse kritische Begleitung ist insbesondere nach der Ausgliederung mehr als notwendig! Aber ich frage mich schon, ob die oben beschriebenen vielen kleine und großen Dinge immer sein müssen, denn in Summe entsteht so Unruhe. Und das bereits nach drei (vier mit Pokal) Spielen! Nicht zuletzt können solche Grundstimmungen auch für diverse Medien Anlass sein, in das gleiche Horn zu stoßen und das Ganze so nochmal zu verstärken (so hat z.B. die BLÖD jetzt das Fass „Terodde trifft nicht“ aufgemacht). Eine Spirale, die abwärts führt.

Ich plädiere dafür, dass wir alle mal wieder einen Gang runterschalten und in der jetzigen Phase etwas gelassener an die Sache rangehen! Sportlich muss man in den Erwartungen realistisch sein und in Sachen Verein das Wichtige vom Unwichtigen trennen. Und wenn man mal Dampf ablassen muss, dann am besten im Stadion (werde ich am Samstag auch wieder tun). Und liebe Organe des VfB, da schaue ich auch Euch an! Schließlich soll der Kessel zwar im positiven Sinne zu einem Hexenkessel werden, aber nicht platzen …