Perspektiven

Nachdem nun die ersten Spiele nach dem Wiederaufstieg in die 1. Bundesliga absolviert sind, ergibt sich ein erstes Stimmungsbild. Dieses fällt je nach Perspektive allerdings durchaus unterschiedlich aus:

Die Mannschaft & der Trainer

Die Mannschaft hat für die Saison ein neues Gesicht bekommen. Viele der Spieler, die noch wenige Monate zuvor den Aufstieg perfekt gemacht haben sind nun nicht mehr im Verein, verletzt oder spielen derzeit keine große Rolle. Gleichzeitig sind viele (meist junge) Spieler neu hinzugestoßen. Somit befindet sich die Mannschaft aktuell ganz offensichtlich immer noch in einem Findungsprozess, in dem Abläufe automatisiert und ein gemeinsames Spielverständnis entwickelt werden müssen. Dieses Spielverständnis versuchen der Trainer Hannes Wolf und Team an die Spieler zu vermitteln und schrecken dabei auch vor einer „mittelgroßen Revolution“ nicht zurück (meint zumindest spielverlagerung.de).

Nach dem Aufstieg im Mai waren sich eigentlich alle Beobachter und Fans darin einige, dass der VfB über einen tolle Offensivabteilung verfüge, die Abwehr ab die Achillesferse der Mannschaft sei. Nun, nach den ersten Spielen, stellt sich die Lage etwas anders dar. Auch wenn sicherlich die ganz großen Gegner noch fehlen, so ist die Abwehr aktuell doch sehr stabil und lässt zunehmend weniger zu. Holger Badstuber ist wie erwartet ein extrem stabilisierendes Element im Abwehrverband, aber auch Benjamin Pavard zeigt bisher eine absolut ansprechende Leistung. Tatsächlich gelingt es der Mannschaft aktuell aber nicht, aus dieser stabilen Abwehr heraus eine Spiel nach vorne zu entwickeln, dass dynamisch ist und Zug zum Tor hat. Sinnbildlich dafür steht Simon Terodde, der zwar viel auf dem Spielfeld arbeitet (er hat eine der besten Laufleistungen auf dieser Position in der Bundesliga), aber bisher kaum zu wirklichen Torabschlüssen kommen konnte. Zu einfach ist es derzeit für die Gegener, das Angriffsspiel des VfB zu entschlüsseln und entsprechend darauf zu reagieren (Terodde zustellen und die Außenspieler nicht zur Entfaltung kommen lassen). Hier muss also weiter an der Balance zwischen den einzelnen Mannschaftsteilen gearbeitet werden, damit der VfB endlich in wieder in die Situation kommt, Spiele auch aktiv (und überzeugender) gewinnen zu können. Derzeit ist es nämlich so, dass es bei Gegentoren (die man trotz guter Abwehrleistungen eben nicht vollständig verhindern kann) derzeit unmöglich scheint, diesen Rückstand wieder aufzuholen. Nur drei geschossene Tore sprechen da eine deutliche Sprache. Immerhin ist Daniel Ginczek nun wieder in der Mannschaft und stellt somit auch als anderer Spielertyp eine Alternative oder Ergänzung im Angriff dar.

Noch ein paar Worte zum Trainer. Hannes Wolf hat kürzlich den ersten Geburtstag beim VfB gefeiert und auch das Augsburg-Spiel überstanden. Mit seiner ruhigen und sachlichen Art, hat er sowieso schon lange den Weg in die Herzen vieler Fans gefunden (was ihn neben allen sportlichen Belangen auch vereinspolitisch extrem wertvoll macht, denn so können manche Ausrutscher noch abgefedert werden). Gleichzeitig zeigt er aber auch an der richtigen Stelle Emotionen, ist als Trainer aber durchaus fordernd und lebt jedes Spiel an der Seitenlinie mit. Der wichtigste Aspekt ist aber (zumindest für mich), dass er die Mannschaft nach Jahren der Stagnation wieder spielerisch und taktisch weiterentwickelt und so wertvolle Grundlagen für die nächsten Jahre legt. Ich hoffe, dass die Zusammenarbeit noch ein paar Jahre fortgesetzt werden und so etwas Neues in Stuttgart entsteht. Der Vertikalpass hat einen schönen Text zu Hannes Wolf geschrieben, den ich nur zur Lektüre empfehlen kann.

Die Gegner

Eines kann man jetzt schon sagen: Der VfB wird auf keinen Fall von seinen Gegnern unterschätzt und verwunderlich ist dies ja auch nicht wirklich. Schon direkt nach dem Abstieg hat der VfB davon gesprochen, eigentlich in die Bundesliga zu gehören und direkt wieder aufsteigen zu wollen. Dies ist dann auch gelungen und man hat sich dann im Sommer (mit den Daimler-Millionen) auch entsprechend für die Bundesliga verstärkt. Dazu wurden schon vom Präsidenten „Träume“ formuliert, die den VfB auf jeden Fall wieder international sehen. Dieses Selbstverständnis trägt natürlich in der Außenwahrnehmung dazu bei, den VfB auf keinen Fall klein zu reden. Ähnlich geht es auch Hannover (auch wenn die vor der Saison als etwas schwächer eingestuft wurden) und so wird schon davon gesprochen, dass es dieses Jahr in der 1. Bundesliga keinen „Aufsteiger“ und auch keinen wahrscheinlichen „Absteiger“ gibt. Selten sei das Niveau insbesondere in der zweiten Tabellenhälfte so ausgeglichen gewesen. Das alles sorgt dafür, dass sich die Gegner bisher nicht zu einem leichtfertigeren Spiel haben hinreißen lassen, dass den Stuttgartern dann Chancen eröffnet hätte. Im Spiel gegen Augsburg konnte man dies gut beobachten, denn dort haben sich die Fuggerstädter auch sehr stark auf eine stabile Abwehr verlassen, obwohl sie mit mehreren Siegen in Serie nach Stuttgart gekommen waren. Wenn man dann noch das insgesamt höhere Niveau bei den individuellen Fähigkeiten der Gegenspieler berücksichtigt, ergibt sich schon eine mitunter sehr schwierige Mischung, die den VfB aktuell noch vor große Herausforderungen stellt.

Die Fans

Eigentlich wissen wir ja, dass diese Saison schwer werden wird und es einzig und alleine um den Klassenerhalt geht. Dennoch sind wir natürlich mit einigen der Spiele nicht zufrieden. Wie kann man in Schalke nur die jeweils ersten Minuten der Halbzeiten so verschlafen? Warum bekommt man gegen Gladbach trotz konzentrierter Abwehrleistung zwei Tore? Und schafft es dann – wie auch gegen Augsburg – selber nicht, Tore zu schießen? Und die mageren Siege gegen Mainz und Wolfsburg waren ja auch eher sparsam (und das Spiel im Pokal erst). Und wenn Terodde nicht bald mal trifft, dann wird es aber ungemütlich!!!11!

Ja, die Saison wird schwer und man muss um jeden Punkt froh sein. Aber man kann sich eben auch nicht des Gefühls erwehren, dass die Mannschaft aus den Spielen mehr hätte rausholen können (und vielleicht sogar müssen). Ähnlich sieht es ja auch Hannes Wolff, der mit der Torausbeute und der Punktezahl auch nicht zufrieden ist. Und ganz von der Hand zu weisen ist es ja nicht, dass der VfB in der ein oder anderen Situation doch hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt. Das man daran liegen, dass man bisher sehr defensiv in die Spiel gegangen ist und es wohl in der Hauptsache auf eine gute Absicherung ankommt. Wahr ist aber auch, dass man als geneigter Fan manchmal schon den Eindruck haben muss, dass auf dem Platz eine gewisse Hemmung herrscht. Es ist wenig dynamisch, es fehlen Überraschungsmomente und oft wird beim Hin-und-Her-Schieben des Balls auch noch der Torwart mit einbezogen. Gegen Augsburg hat das dazu geführt, dass das Spiel über 90 Minuten schon sehr zäh war (und das, obwohl es ein Heimspiel war). Wenn man aber etwas distanzierteren Beobachtern glauben schenken mag, dann spielt der VfB bisher eine gute Saison. Und am Ende ist das ja auch richtig.

Das es sportlich dann nicht sooo schlecht ist, sieht man auch daran, dass abseits des Sportlichen in der Diskussion vielen Nebensächlichkeiten mehr Raum eingeräumt wird, als diese verdienen. Insofern ist dann doch alles wie immer …