Die Geister, die wir riefen

Das musste ja so kommen. Kaum merkt man an, dass man vom VfB gar nichts mehr hört, lässt Wolfgang Dietrich im Interview mit dem Handelsblatt eine Bombe platzen. Es ist nun also so, dass man grundsätzlich allen Investoren offen gegenüber ist. Diese müssen halt nur „passen“.

Solche Äußerungen sind natürlich dazu angetan, die Seele des kritischen VfB-Mitgliedes (und das sollten wir eigentlich alle sein) oder Fans hochkochen zu lassen. Zu sehr ist das Verhältnis zwischen Teilen der Mitglieder und dem Präsidenten des e.V. und Aufsichtsratsvorsitzenden der AG (nachhaltig) belastet. Im Prozess der Ausgliederung getätigte Aussagen, die für viele ja Grundlage für eine Entscheidung waren, sind nun nicht mehr belastbar. Lennart hat das in einem sehr ausführlichen und lesenswerten Artikel für „Rund um den Brustring“ aufgearbeitet (und wirft dazu auch einen Blick auf die Art der Kommunikation und das Verhalten mancher Medien bzw. Redakteure).

Wenn man die emotionalen Aspekte mal außer Acht lässt (ich weiß: das ist fast unmöglich), dann kann es durchaus richtig sein, dass man sich grundsätzlich keinem Investor verschließt. Der VfB muss Geldmittel akquirieren um den Verein durch Investitionen in „Beine und Steine“ weiterzuentwickeln. Langfristig sollen u.a. Konzepte im Jugendbereich auch dazu führen, dass diese Geldmittel auch über den Transfer gut ausgebildeter Spieler realisiert werden können. Bis es soweit ist (und hoffentlich kommt es auch soweit!) muss aber für größere Summen zunächst hauptsächlich mit dem Verkauf von Anteilen an der AG gewirtschaftet werden. Aber immer steht der Erfolg oberster Stelle und diesem wird Wolfgang Dietrich alles unterordnen.

Ich stelle mir an dieser Stelle aber die Frage (wie andere vielleicht auch), ob ich bereit bin, dem Erfolg des VfB alles unterzuordnen? Die Antwort ist einfach: Nein!

Ganz konkret stellt sich mir diese Frage:

Wie leider üblich bekommt man hier vom VfB natürlich keine Rückmeldung. Ich vermute aber auch, dass es hier gar nichts zurückzumelden gibt, denn nicht umsonst wird eine schwammige Formulierung wie „passt“ verwendet. Gibt es hier überhaupt Kriterien, die über die Summe hinausgehen, die ein potentieller Investor bereit wäre zu zahlen? Vielleicht nicht. Und wenn, kann man sich ja auch nicht öffentlich machen, sonst wird man nachher tatsächlich noch daran gemessen … Und dennoch empfinde ich es als Vereinsmitglied unabdingbar, die Grundlagen für eine Bewertung und die Suche nach möglichen Investoren zu kennen. Denn auch das gehört zu einer Kommunikation auf Augenhöhe, die aber im letzten Jahr (und insbesondere seit dem 2.6.) zunehmend verloren gegangen ist.

Diese fehlende Transparenz könnte für den Verein/die AG aber auch in Zukunft nochmal zum Problem werden. Dann nämlich, wenn man zu dem Punkt kommt, dass man gerne nochmal Anteile verkaufen möchte, dies dann aber ja von der Mitgliederversammlung mit Mehrheit beschlossen werden müsste. Sollte dieser Fall eintreten, wird es sowieso schon schwerer werden, die Mitglieder von der Zustimmung zu überzeugen, denn nun hat man als Grundlage für die Bewertung ja den Umgang mit den Millionen aus der ersten Tranche und nicht nur Worte und Pläne. Und sollte der VfB dann nicht gerade das Traumziel „Tschämbionslieg“ des Präsidenten realisiert haben, wird man dann schon kritische Fragen stellen müssen. Wenn dann noch dazu kommt, dass man sich als Mitglied nicht ernst genommen und übergangen fühlt, dann kann das in diesem Szenario ganz schnell zu einer Ablehnung führen (außer natürlich, es gibt wieder Trikots und Verpflegung gratis …). Und dies wird auch eintreten, wenn man nur regionale Investoren gefunden hat, sich aber potenzieren, wenn man „Heuschrecken“ mit an Bord geholt hat.

Mir ist klar, dass man Investoren nicht nur vor der Haustüre finden wird. Auch wenn der Wirtschaftsraum Stuttgart bzw. Baden-Württemberg sehr stark ist, so wird doch nicht jedes in Frage kommende Unternehmen auch investieren wollen oder können. Daher bin ich wie gesagt grundsätzlich damit fein, den Kreis auch etwas weiter zu ziehen. Dennoch möchte ich natürlich nicht, dass Szenarien eintreten, wie man sie von anderen Vereinen kennt, wo „Sugar Daddys“ sich den Verein als Hobby leisten oder zweifelhafte Investoren das Sagen haben. Da mag ich ein hoffnungsloser Fußball-Romantiker sein, aber solche Konstellationen würden es mir zumindest sehr schwer machen, mich weiter so wie heute mit dem VfB zu identifizieren.

Wenn ich mir es frei aussuchen könnte, würde ich zum Beispiel folgende Kriterien anlegen (die Liste erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit):

  • Vorhandener Bezug zur Region und/oder zum VfB
  • Langfristiges Engagement ohne Gewinnabsichten
  • Wirtschaftliche Stabilität des Unternehmens
  • Strahlkraft der Marke, die auch auf den VfB einzahlt
  • Mitbestimmung in der AG keine Voraussetzung für Investition
  • Unterzeichnung eines „Code of Conduct“ bzw. Erfüllung ethischer Mindestanforderungen (z.B. keine Kinderarbeit oder Herstellung/Vertrieb von Kriegsgerät, besonderes Engagement im Umweltschutz etc.)

Klar: Dies alles ist am Ende nur das berühmte Pfeifen im Walde, das die handelnden Personen im Verein bzw. der AG nicht wirklich interessieren wird. Qua Amt sind sie schließlich mit den notwendigen Rechten ausgestattet, Entscheidungen zu treffen und Tatsachen zu schaffen. Und doch sollten sich alle bewusst sein, was hier auf dem Spiel steht. Der VfB ist eben KEIN x-beliebiges Unternehmen wie Kärcher, Würth oder Daimler, sondern stiftet für viele Menschen Identität, ist eine Herzensangelegenheit*. Und das ist ein ebenso wichtiges Kapital wie Spieler oder Gebäude, denn ohne sein Umfeld ist der VfB nichts. Vor allem nicht attraktiv für irgendwelche Investoren.

Vergesst das nicht!!

*Ja, es gibt auch Menschen, für die die genannten Unternehmen eine „Herzensangelegenheit“ sind. Das sollte man aber nicht mit Loyalität zum Arbeitgeber verwechseln.