Nachspielzeit 5: Quo vadis VfB?

Die Ausgabe 5 mit dem Titel „Quo vadis VfB?“ ist da! Die „Nachspielzeit“ ist der Podcast, in dem es eher am Rande um das Sportliche, aber immer um den VfB Stuttgart geht.

Wie auch beim letzten Mal findet Ihr den Text hier im Anschluss. Lasst mich gerne wissen, wie zur aktuellen Entwicklung beim VfB steht und kommentiert hier im Blog oder schreibt mir auf Twitter bzw. Facebook.

Nun sind es ein paar Tage her, seit dem der VfB einen neuen sportlichen Tiefpunkt in der sehr schlechten Partie gegen Schalke erreicht und sich am darauffolgenden Tag von Trainer Hannes Wolf und Co-Trainer Miguel Moreira getrennt hat. Mich hat die Nachricht von der Entlassung Wolfs über längere Zeit sehr beschäftigt und emotional berührt (siehe zum Beispiel hier).

Nun hatte ich aber auch Zeit das ganze zu reflektieren und auch beim VfB haben sich ja weitere Dinge getan. Zunächst mal haben wir mit Tayfun Korkut einen neuen Chef-Trainer, den ich natürlich willkommen heißen will und ihm viel Erfolg wünsche. Und auch sonst kann ich das ein oder andere mittlerweile vielleicht differenzierter sehen, ein paar Dinge sehe ich aber trotzdem immer noch mehr als kritisch.

Zu Hannes Wolf: Er ist ein wirklich sympathischer Mensch, hat tolle Anlagen und wird als Trainer sicherlich noch vieles erreichen. Es ist aber in den letzten Wochen oder auch Monaten schon auch deutlich geworden, dass er sich insbesondere im Umfeld der 1. Bundesliga noch entwickeln muss. Zu sehr stagnierte das Spiel des VfB und auch die Entwicklung der jungen Spieler. Und sehr wahrscheinlich ist diese Erkenntnis dann auch bei ihm gereift und gipfelte dann in dem Satz, dass er das Gefühl habe, die Mannschaft nicht mehr komplett zu erreichen. Und so ist es schon gut möglich, dass die Trennung von ihm sportlich notwendig und daher richtig war. Alleine der Zeitpunkt ist natürlich mehr als unglücklich gewählt, denn nun hat der neue Trainer keine Zeit mehr, Einfluss auf den Kader zu nehmen, noch konnte er eine Vorbereitung durchführen und muss sein System nun unter der Woche installieren. Und in der jetzigen Situation ist jeder Spieltag wertvoll und es ist keine Zeit für eine große Findungsphase. Hoffen wir das Beste!

Desaströs ist aber mittlerweile wieder das Bild, dass der VfB nach Außen abgibt.

Da haben wir zunächst den Sportvorstand Michael Reschke. Ich habe ihn lange Zeit tatsächlich nicht so kritisch gesehen, wie er teilweise schon wahrgenommen wurde. Seine teils ungelenken Auftritte konnte ich mir noch mit medialer Unerfahrenheit oder auch seinem rheinischen Naturell irgendwie herleiten. Spätestens sein Auftritt im „Aktuellen Sportstudio“ vom 20.01. lässt sich aber auch damit nicht mehr wirklich erklären oder gar rechtfertigen. Einen Trainer öffentlich dermaßen anzuzählen (der dann auch sichtlich von dieser Aussage in der Sendung überrascht war) zeugt von schlechtem Stil und wahrscheinlich auch völlig falscher Selbsteinschätzung. Auch in den folgenden Abläufen hat er für mich keine gute Figur gemacht, indem er zum Beispiel auch Wolf wohl nicht wirklich gestärkt hat oder – noch schlimmer – ihn schon seit längerer Zeit auf der Abschussliste hatte (zumindest wird dies in verschiedenen Medien kolportiert). Auch diese ständig vagen Aussagen zum VfB 2 zementieren nicht gerade das Bild eines Sportmanagers, der konsequent und mit Plan vorgeht. Noch schlimmer wird das Bild, wenn man sich die Transfers und den aktuellen Kader (den er zugegebenermaßen nur teilweise zu verantworten hat) anschaut. Bis auf Gomez, Larsen (nur bis zum Sommer ausgeliehen) und Thommy (Perspektivspieler, der sich noch entwickeln muss) gibt es keine Zugänge, die die Mannschaft auf den wichtigen Positionen verstärken und das, obwohl Reschke nach eigener Aussage die Schwachstellen im Kader erkannt hat. Für jemanden, der von Präsident Dietrich als ausgewiesener Experte auf diesem Feld mit hervorragendem Netzwerk installiert wurde, ist das eine erschreckend schwache Bilanz. Und wenn ich ihm schon keine wirklich gesamtstrategische Arbeit im Verein mehr zutraue, auf passende Transfers hatte ich mich doch schon eingestellt … Selbst Larsen und Thommy werden noch Transfers gewesen sein, die auf Bestreben von Hannes Wolf zustande gekommen sind.

In der Woche vor dem Spiel gegen Schalke hatte ich mir so gedacht, dass man auffällig lange nichts mehr von Wolfang Dietrich gehört hatte. Meine Vermute war (bzw. ist), dass er sich in dieser schlechten Phase lieber raushalten und nicht damit in Verbindung gebracht werden wollte. Auch die Kommunikation der Entlassung von Hannes Wolf hat er Michael Reschke überlassen. Nun kann man sagen, dass er sich strikt an die Zuständigkeiten halten möchte, man könnte aber auch mutmaßen, dass er sich da eben nicht in die Schusslinie begeben will. Am Dienstag sah er sich dann aber doch noch genötigt, sich in einem „Dunkelroten Steilpass unseres Präsidenten“ per E-Mail an die Mitglieder zu wenden. Darin schreibt er:

Als Präsident stand und stehe ich, gemeinsam mit allen Gremien unseres VfB Stuttgart, für einen Weg, der auf mehreren tragenden Säulen fußt: Zum einen sind das Kontinuität und Glaubwürdigkeit. Die dritte und allerwichtigste Säule aber ist der sportliche Erfolg unserer Mannschaft.

Kontinuität (die später in der E-Mail noch als „auf Kurs bleiben und unsere Ziele erreichen“ definiert wird) und Glaubwürdigkeit sind nun Pfunde, mit denen der Präsident nun gerade nicht wuchern kann. Wenn man sich vor Augen führt, wie sich der Verein in den letzten 6 Monaten entwickelt hat, dann scheint „Kontinuität“ eher der Versuch zu sein, das zarte Pflänzchen des Aufbruchs und einer zukunftsgewandten Perspektive mit Nachhaltigkeit zu zertreten und zu den Strukturen zurückzukehren, die zuvor schon in Jahren des Niedergangs zum letzten Abstieg geführt haben. Und scheinbar hat man das in der Mercedesstraße als so unwesentlich erachtet, dass man nun die großtenteils schon heftigen Reaktionen der letzten Tage gar nicht versteht und sogar noch auf infame Weise versucht, die schlechte Stimmung eben auf diese Fan-Reaktionen umzudrehen. Nicht anders sind die Äußerungen von Thomas Hitzelsperger und Timo Hildebrand zu verstehen, die davon sprechen dem neuen Trainer doch erst mal eine Chance zu geben und nicht gleich draufzuhauen. Habt ihr, lieber VfB, nicht verstanden (oder blendet das beqeuem aus?), dass es zum allergrößten Teil nicht um die PERSON Korkut geht, sondern um das fehlende Konzept hinter dieser Verpflichtung? Um die ganz greifbare Enttäuschen der Fans und Mitglieder darüber, dass der VfB wieder in alte Muster zurückgefallen ist? Um die Trauer über verlorengegangenen Perspektiven (wofür Schindelmeiser und Wolf standen)? Schade ist es, das dieser Spin leider auch in der Presse teilweise so aufgegriffen wurde und man damit am Thema vorbeigegangen ist.

Der VfB beruft sich gerne immer auf seine Herkunft und betitelt sich ganz groß als „Traditionsverein“. Auch wenn ich persönlich nicht so viel damit anfangen kann, so kommt damit aber auch mit, dass die Menschen auch eine tiefe emotionale Bindung an den Verein haben. Diese ist aber durch die aktuellen Ereignisse aber auch schon vorher getroffenen Fehlentscheidungen (für mich an erster Stelle die Entlassung von Jan Schindelmeiser und anschließende Verpflichtung von Michael Reschke) mehr als strapaziert. Und diese Stimmungslage muss sich Wolfgang Dietrich ankreiden lassen. Und wenn die Mechanismen des Geschäfts weiter so funktionieren (und der VfB ist ja jetzt wieder in dieser Mühle drin), dann werden wir uns bald an einen neuen Vorstand Sport gewöhnen müssen. Diese neue Personalien muss aber passen, sonst ist spätestens dann auch die Zeit des Präsidenten abgelaufen. Und vielleicht findet man dann ja auch wieder die richtige Balance zwischen Management-Fähigkeiten, sportlicher Kompetenz und Kommunikationsgeschick.

Auch zur Mannschaft noch ein paar Worte. Ich habe glaube ich noch nie so konsterniert eine Halbzeitpause wie im Spiel gegen Schake erlebt haben. Diese Nicht-Leistung war so entsetzend, dass ich kaum mit jemandem sprechen konnte und mir sehr ernsthaft überlegt habe, erstmals das Stadion vor Spielende zu verlassen. Man kann von Außen nicht in die Mannschaft reinschauen und kann nur schwer erkennen, welche Dynamiken sich da in den letzten Woche entwickelt haben. Man muss aber klar sagen, dass dies schlicht und einfach Arbeitsverweigerung war. Zu Unterstellen, dass hier gegen den Trainer gespielt wurde, ist pure Spekulation, auch wenn man diesen Eindruck in der Hitze des Gefechts gewinnen konnte. Auf jeden Fall kann es für alle Spieler jetzt nur darum gehen, den Eindruck der letzten Spiele vergessen zu machen und wirklich ALLES in jede einzelne Partie reinzuhängen. Für die letzte Niederlagenserie haben sie nun in der Entlassung von Hannes Wolf ein Alibi bekommen, für die kommenden Spiele gilt dies nicht mehr. Jetzt müssen die Jungs liefern!

Persönlich muss ich sagen, dass ich gerade Schwierigkeiten habe, mich für den VfB und die Spiele zu begeistern. Auch wenn die hochkochenden Emotionen mittlerweile wieder etwas abgekühlt sind, so bleibt doch eine große Skepsis und auch Niedergeschlagenheit zurück. Ich wünsche Tayfun Korkut und der Mannschaft aus tiefstem Herzen, dass sie dieses Feuer zumindest sportlich wieder mit Erfolgen entfachen können. Für den Verein bzw. die AG sehe ich allerdings weiterhin erstmal Schwarz. Sehr schade, dass die letzte Mitgliederversammlung erst im Dezember war …