Wer bist Du, VfB?

Michael Reschke wurde kürzlich bei einem seiner TV-Auftritte von Jörg Wontorra gefragt, wofür der VfB denn stehe. Seine Antwort war (etwas zusammengefasst):

„Wissen Sie, drei ältere Spieler die wir verpflichtet haben werden ja mit Fragezeichen versehen. Gehen wir diese drei Spieler mal durch: Dennis Aogo haben wir 14 Tage vor Ablauf der Transferperiode verpflichtet, nachdem sich Insua im letzten Vorbereitungsspiel verletzt hat. So einen Linksverteidiger mit dieser Erfahrung und Klasse ablösefrei in dieser Phase zu verpflichten würde ich heute wieder tun. Dann – und jetzt sprechen wir über eine Philosophie – Andreas Beck und Mario Gomez: Hier werden Spieler kritisiert, die aus Stuttgart kommen, im besten Fußballalter sind und eine hohe Leidenschaft und Identifikation mitbringen und die einfach gute Typen sind. Weshalb werden diese Spieler kritisiert? Wir haben letzten Sommer vier junge Spieler verpflichtet, aber ob man mit denen in der Bundesliga besser stehen würde? Diese Aussage also, dass „jung“ nun das Evangelium ist kann ich gar nicht erkennen.“

So viele Worte und doch so wenig Inhalt. Denn selbst wenn sich diese Frage nur auf den sportlichen Aspekt bezieht, dann ist hier das Thema klar verfehlt. Dabei ist diese Frage tatsächlich eine derjenigen, die der VfB unbedingt baldmöglichst beantworten sollte! Wohlgemerkt: Hier geht es nicht nur um den sportlichen Teil, sondern mindestens in gleichem Maße auch darum, wie der VfB übergreifend seine Selbstbildnisse (man könnte auch von einem „Markenkern“ sprechen) definieren will.

Aber warum ist es so wichtig, dass der VfB (so wie alle anderen Fußballvereine auch) ein konsistente Identität entwickelt?

Aktuell lässt sich im Fußball eine Entwicklung beobachten, die in zwei Richtungen geht: Zum einen schreitet die „Eventisierung“ weiter voran, die darauf setzt, Menschen vor die Fernseher und in die Stadien zu bringen, die den Fußball eher als singuläres Ereignis sehen, ansonsten aber kaum Bezug dazu haben. Zum anderen beginnt sich aber genau dagegen auch langsam Widerstand zu formieren, weil zum Beispiel die bewegten Summen immer unfassbarer und die Ticketpreise im höher werden. Dass in den Stadien sowohl in der Bundesliga als auch bei Spielen der Nationalmannschaft zunehmend Plätze leer bleiben, kann ein deutliches Indiz dafür sein. Wer mag kann sich hier übrigens auch mal mit dem FC Fair Play! beschäftigen, der sich genau um diese Themen kümmert.

Wie steht es da nun beim VfB?

Beginnen wir doch zuerst mal mit dem sportlichen Bereich. Im Zuge der Entlassung von Hannes Wolf wurde ja nochmal viel über die Tatsache gesprochen, dass man nach dem Abstieg in die 2. Bundesliga mit einem neuen Sportvorstand und einem jungen Trainer dem Ansatz Rechnung tragen wollte, die „jungen Wilden“ wieder im Verein zu etablieren. Bevorzugt sollte das aus der eigenen Jugend heraus geschehen, da es dort aber kurz und mittelfristig an Spielern mit entsprechendem Potential fehlt, wurden Spieler von extern verpflichtet. Außerdem sollte dieser Ansatz auch dazu beitragen, den VfB in finanzieller Hinsicht wieder stabiler aufzustellen, da mit relativ günstig eingekauften aber entwicklungsfähigen Spielern zukünftig höhere Transfererlöse erzielt werden sollten. Dieser Ansatz war im Verein verabschiedet und auch von den Fans akzeptiert und unterstützt worden. Dementsprechend wurde auch Jan Schindelmeiser aktiv und hat junge Spieler verpflichtet, die Potential für eine Weiterentwicklung boten. Wie Michael Reschke ja nicht versäumt hat zu sagen, sind von diesen Spielern viele dann nicht eingeschlagen. Aber trotzdem funktioniert das Modell, wenn man nur einen hat (in diesem Fall Benjamin Pavard), der seinen Weg geht und bei einem Weggang Gelder einbringen wird. Mit dem Antritt von Michael Reschke hat man sich ganz klar von diesem Konzept abgewandt und lieber Spieler verpflichtet, die nicht nur das Gehaltsgefüge durcheinanderbringen, sondern auch keinen großen Wiederverkaufswert mehr haben. Eine Linie ist da nicht erkennbar, ein zukunftsfähiges Konzept schon gar nicht. Wohlgemerkt: Ich will hier gar nicht die Diskussion „Erfahrung“ vs. „Jugend“ aufmachen. Mir geht es um das fehlende Konzept!

Vor einiger Zeit habe ich schon mal geschrieben (und im Podcast darüber gesprochen), dass sich der VfB als straff geführtes Unternehmen präsentiert, dabei aber zunehmend den Kontakt zu den Mitgliedern verliert. In einer Lage, wie wir sie aktuell haben, wird dies nochmal schmerzhaft deutlich, denn für einen Teil der Fans ist die Identifikation mit dem VfB erst mal verloren gegangen. Dass man das von Seiten des VfB aus nicht versteht oder – und das ist noch viel schlimmer! – es den handelnden Personen schlicht und einfach egal ist, macht traurig und wütend zugleich. Ein Verlust von Identifikation ist aber mithin das Schlimmste, was einem Verein abseits des Sports passieren kann.

Der VfB hat auf seiner Website ein „Bekenntnis“ formuliert. Darin heißt es unter anderem:

Mit 50.000 Mitgliedern ist der VfB Stuttgart der mit Abstand größte Sportverein in Baden-Württemberg. Doch der VfB Stuttgart ist weitaus mehr als ein Sportverein. Im Laufe seiner langen und bewegten Geschichte hat er sich zu einem bedeutenden sportlichen Aushängeschild mit hoher Identifikationskraft entwickelt und ist fester Bestandteil des Alltags und Herzensangelegenheit vieler Menschen in der Region. Die Gründe hierfür sind vielfältig und allesamt aus der langen Tradition des Vereins erwachsen.

Zunächst verwundert es, dass man hier noch nicht die Zahl (die ja dem Präsidenten sehr wichtig zu sein scheint) nach oben korrigiert hat. Aber auch hier wird von „Identifikationskraft“ und „Herzensangelegenheit“ gesprochen. Alleine, den wohlfeilen Worten folgen keine Taten.

Im Text wird weiter auf Veranstaltungen verwiesen, die man zum Beispiel mit Mitgliedern gemacht hat und auf deren Basis dann dieses Leitbild entstanden ist (Regionalversammlungen, Zukunftswerkstatt). An anderer Stelle habe ich schon mal bedauert, dass man davon komplett Abstand genommen hat und damit die Chance verpasst, tatsächlich mit den Mitgliedern in den Dialog zu kommen. Ein Austausch, der dem Verein insbesondere jetzt sehr gut tun würde.

Dann hat der VfB ein „Stadttrikot“ gemacht, dass ein Ansatz hätte bieten können: Man hätte hier dem VfB eine „urbane“ Facette hinzufügen können, die die Stadt Stuttgart auf eine neue Art mit dem VfB hätte verschmelzen können. Immerhin hat man in der Ankündigung ja auch groß von der „Stuttgarter DNA“ gesprochen. Leider hat man dies aber dann doch wieder nur als Marketingaktion gesehen, durch Verknappung eine große Nachfrage erzeugt und sich am Ende wahrscheinlich am verdienten Geld erfreut. Schade um diese Chance.

Seit einigen Monaten ist der VfB auch im Bereich eSports vertreten und zwei eigene Spieler, die im Namen des Vereins auftreten. Was für eine tolle Gelegenheit, damit auch ein jüngeres Publikum anzusprechen, dass den Fußball wahrscheinlich zunehmend nur noch von der Konsole kennt, so aber immerhin mit dem VfB in Berührung kommt. Oder? Wenn man sich diesen neuen Geschäftszweig, mit dem man „die digitale Generation mit innovativen Inhalten“ erreichen will, anschaut, dann scheint das Pflänzchen noch sehr zart zu sein und auch von den Erfolgen her sehr wechselhaft (vielleicht geht das aber auch nur zu weit an mir vorbei). Die wahre Intention hinter diesem Engagement ist aber am Ende auch wieder die Generierung von Einnahmen (z.B. durch Sponsoren auf den virtuellen Trikots). Geld ist gut für den Verein, identitätsstiftend ist das aber auch nicht.

Und ja, zu dem Markenkern sollte für mich auch eine klare Haltung in gesellschaftlichen Dingen gehören. Dazu gehört das Engagement, dass der VfB heute schon zum Beispiel mit VfBfairplay betreibt, aber auch eine eindeutige Positionierung gegen gesellschaftliche Strömungen, die im Kern antidemokratisch, gesellschaftsfeindlich und rassistisch sind. Denn während andere Vereine wie zum Beispiel Frankfurt eine ganz klare Haltung einnehmen, retuschiert der VfB lieber die Aufschrift „FCKAFD“ vom T-Shirt eines Teilnehmers einer Veranstaltung, bei der es um politische Willensbildung ging (kannst du dir nicht ausdenken …). Bei allem Verständnis dafür, dass sich der Verein politisch und weltanschaulich neutral verhalten will, irgendwo ist eine Grenze erreicht, bei der ein Verein wie der VfB schon aufgrund seiner Größe die Pflicht hat, hier im Sinne einer offenen, demokratischen Gesellschaft zu wirken. Ob man dies dann so wie Frankfurt machen muss oder eine andere Form findet, sei mal dahingestellt. Vielleicht lohnt sich an dieser Stelle auch der Blick in den Norden zu St. Pauli, die sich übrigens über die Jahre nicht nur in diesem Punkt hervorragend positioniert haben.

Aktuell sehe ich von außen betrachtet keine Ansätze, dass die Verantwortlichen beim VfB an diesem Selbstbildnis arbeiten. Sportlich sind wir mittlerweile wieder im leider allzu bekannten Chaos angekommen, aber auch ansonsten setzt man lieber auf zeitlich schlecht geplante Marketing-Kampagnen oder geht bei den wenigen vorhandenen Ansätzen nur den ersten Schritt. Wo sind dann aber nun die Köpfe, die den Verein nachhaltig strategisch weiterentwickeln können?

Wolfgang Dietrich hat die Ausgliederung durchgebracht, ist ansonsten aber in den letzten Monaten in der Versenkung verschwunden und taucht nur auf, um den Einstieg nicht regionaler Investoren (= Fonds) vorzubereiten oder Trainer zu entlassen. Außerdem lässt er E-Mails verschicken, in denen er von den Fans das fordert, was wir das letzte Jahr schon in außergewöhnlicher Form getan haben: zusammenzuhalten und die Mannschaft zu unterstützen. Ganz cleverer Schachzug …NICHT!  Im Kicker hat Dietrich gesagt, dass er „über den Tag hinausdenken“ muss. Ja dann mal los!! Und übrigens Herr Dietrich: Man sollte es nicht von der Plattform abhängig machen, welche Meinung man denn für voll nimmt oder relevant hält.

Michael Reschke ist nicht nur in der Außendarstellung immer auf einem schmalen Grat (und oft auch schon darüber hinaus), sondern hat auch den sportlichen Bereich bisher nicht weiterentwickelt. Der Kader der Profis ist weder Fisch noch Fleisch und scheint auch gar nicht auf die Spielidee gepasst zu haben, die Hannes Wolf entwickelt hatte. Schwachstellen im Kader hat er zwar erkannt, geschehen ist dann aber in der Winterpause nichts. Der VfB 2 ist ein Auslaufmodell, nur möchte das seit Monaten keiner sagen und lässt so Spieler und Trainer im Ungewissen. Inwiefern sich die Nachwuchsarbeit verändert hat kann man nicht sagen, da auch hier nichts nach außen dringt. Eine Strategie kann ich da beim besten Willen nicht erkennen.

UPDATE: Am 09. Februar hat der VfB bekanntgegeben, dass der VfB 2 als U21 Mannschaft erhalten bleiben und aber der nächsten Saison von Mark Kienle betreut werden wird. Thomas Hitzelsperger wird Direktor des Nachwuchsleistungszentrums. Damit ist in diesem Punkt eine Entscheidung gefallen, die ich sehr begrüße!

Die beiden anderen Vorstände Stefan Heim und Jochen Röttgermann arbeiten in ihren Ressorts, tragen aber eher weniger zu einer Weiterentwicklung des VfB bei. Lediglich das Trommelfeuer von Marketingaktionen hat an Intensität zugenommen, die Treffsicherheit lässt aber teilweise noch zu wünschen übrig (wenn zum Beispiel die Marketingplanung mit einer Trainerentlassung kollidiert, können unglückliche Konstellationen entstehen).

Also, wer soll es machen?

Eine Frage, die wir mit einem Teil des aktuellen Personals sehr wahrscheinlich nicht beantworten werden können …


Kennst Du schon die „Nachspielzeit“? Den Podcast, in dem es nur am Rande um das sportliche, aber immer um den VfB geht? Wenn nicht dann gleich in der Podcast-App Deiner Wahl abonnieren oder direkt hier über das Internet hören: