Verein für Ambivalenzen

Ich freue mich. Wirklich. Ganz ehrlich!

Darüber, dass der VfB Stuttgart sehr wahrscheinlich das Saisonziel erreicht hat und in der 1. Bundesliga verbleiben wird. Und das schon recht deutlich vor dem Saisonende! Wer hätte da ernstlich nach der Hinrunde mit gerechnet? Ich nicht.

Darüber, dass Mario Gomez tatsächlich die Erwartungen erfüllt, die man mit seiner Rückkehr verbunden hat. Er schießt seine (wichtigen) Tore, ist an guten Tagen auch immer anspielbereit und versprüht somit für die gegnerische Abwehr immer eine Grundgefahr, kann also nie aus den Augen gelassen werden und öffnet so auch für andere Räume. Außerdem ist er eine gereifte Persönlichkeit, die sicherlich auch dem Mannschaftsgefüge ganz gut tut.

Darüber, dass sich Benjamin Pavard so dermaßen gut entwickelt und zu einer wichtigen Säule für das Funktionieren des VfB geworden ist. Egal ob im Stadion oder im Fernsehen, man kann sich immer wieder an der sehr effektiven aber oft auch eleganten Spielweise erfreuen. Die Kehrseite ist natürlich, dass er dem VfB so auch viel zu schnell entwächst und wir uns früher oder später von ihm werden verabschieden müssen.

Darüber, dass auch in der Vergangenheit viel gescholtene Spieler wie Andreas Beck und Dennis Aogo ihre Rolle gefunden zu haben scheinen und dies mit sehr stabilen und teilweise auch wirklich guten Leistungen zurückzahlen.

Und ich freue mich auch darüber, dass der VfB mit Tayfun Korkut einen Trainer hat, der nach außen hin seiner Arbeit sehr sachlich und unaufgeregt nachgeht und auch sympathisch ist. Ja, vielleicht hat er nicht die Eloquenz eines Hannes Wolf, von ihrer grundsätzlichen Herangehensweise an viele Dinge sind die beiden aber gar nicht so weit voneinander entfernt (da sei zum Beispiel das Mantra des „Wir schauen nur auf die nächste Aufgabe!“ genannt). Die Ausrichtung auf dem Platz und wohl auch die Ansprache der Mannschaft unterscheiden sich da deutlicher.

Der Jubel nach dem Tor in Freiburg (Bild via http://www.vfb-bilder.de / Ute)

Es gibt also einige gute Dinge und ich WILL auch nicht zu miesepetrig sein. Und trotzdem ist die Freude aus mehreren Gründen nicht ganz ungetrübt.

Ich bin aktuell immer noch sehr skeptisch, wie nachhaltig die Entwicklung beim VfB ist. Sicherlich liegt verständlicher Weise aktuell der Fokus absolut auf dem Klassenerhalt, der mit allen Mitteln erreicht werden soll. Das ist völlig legitim und wie schon gesagt ja trotz aller mathematischer Wahrscheinlichkeiten auch erreicht. Ich kann aber bisher noch nicht erkennen und habe auch noch nichts gehört, wie die Mannschaft spielerisch und taktisch weiterentwickelt werden soll. Denn sind wir mal ehrlich, auch wenn der aktuelle Ansatz den erhofften Erfolg bringt, so kann dies nicht in die nächste Saison tragen. Neben der eigenen Stärke in manchen Aspekten ist es meiner Ansicht nach nämlich auch so, dass der positive Verlauf der vergangenen Spiele schon auch mit der allgemein schwachen Qualität der Bundesliga in dieser Saison zusammenhängt. Nicht falsch verstehen: Ich will nicht in das Argument mit einstimmen, dass alle Gegner ausgerechnet gegen den VfB ihren schlechten Tag erwischt haben. Das wäre bei der Zahl der Spiele doch eher unwahrscheinlich und liegt schon auch an einer gewissen Stärke unserer Mannschaft. Aber wenn man ganz allgemein sieht, wie die Mannschaften in dieser Saison auftreten, dann ist das schon nicht gerade herausragend. Der Vorsprung der Bayern auf die „Verfolger“ ist da nur das offensichtlichste Symptom.

Für Tayfun Korkut wird dies auf jeden Fall auch eine Herausforderung, da er in seinem bisherigen Wirken nur sehr selten die Chance hatte, wirklich etwas zu entwickeln. Und aus diesem Umstand kommt eben auch weitere Skepsis, weil es bisher einfach noch keinen „Tätigkeitsnachweis“ gibt, den man in der Einschätzung zu Rate ziehen kann. Ich wünsche ihm fachlich und persönlich für diese Aufgabe alles Gute, habe aber dennoch das Szenario im Hinterkopf, dass wir uns dann im Herbst wieder an einen neuen Trainer gewöhnen müssen. Hoffentlich nicht.

Dazu bin ich auch immer noch nicht im Reinen mit vielen Vorgängen im Verein. Das geht von der oft eher schlechten Außendarstellung (Hallo Herr Reschke!) bis hin zu der Tatsache, dass sich der Verein meinem Eindruck nach in den letzten Monaten (so ungefähr seit dem 1.6.2017 …) von den Mitgliedern und den Fans entfernt hat. Mir fehlt die Identität, der Kern des Vereins. Und eine langfristige Strategie (außer „100.000 Mitglieder“ und „oberes Drittel der Tabelle“) kann ich auch (noch) nicht sehen. Alle dies hat bei mir tatsächlich zu einer gewissen emotionalen Distanz geführt, die es schwer macht, sich aktuell einfach nur für die gute Lage zu begeistern.

Außerdem geht es mir nebenbei gesagt auch weiterhin extremst auf die Nerven, wie in den Medien über den VfB und das Umfeld geschrieben wird. Die dazu aufgenommene Nachspielzeit scheint jeden Tag aufs neue aktuell zu sein, nur die Themen verändern sich nach und nach. Zudem nimmt so langsam in der Stuttgarter Presse auch wieder die Zahl der Artikel aus der Kategorie „Hofberichterstattung“ zu. Lesen zu müssen, das sich alle Kritiker des Trainers nun in der Mercedesstraße zum Entschuldigen einreihen sollten, empfinde ich als unverschämt. Einfach ätzend!

Das ist meine sehr persönliche Sicht der Dinge. Ich kann verstehen und auch voll akzeptieren, wenn man dies anders (positiver) sieht. Ich möchte nicht Kritisieren um des Kritisieren willens. Ich stehe auch völlig offen der Möglichkeit gegenüber, dass am Ende die vom Verein getroffenen Entscheidungen richtig waren und große Teile der Kritik daher unberechtigt. Im Sinne des Vereins wünsche ich mir das ja auch! Bis dies bewiesen ist, bin ich aber weiter eher „vorsichtig optimistisch“.

Und Du??