Applaus, Applaus … die Mitgliederversammlung 2018

Nun haben wir das also auch hinter uns gebracht, die Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart e.V. ist Geschichte. Wie schon im Vorfeld zu erwarten war, lief das ganze sehr harmonisch ab und wurde auch nur ganz kurz durch die Irritationen unterbrochen, die das Foto eines semi-prominenten AfD-Mannes mit Herrn Dietrich zeigte. Aber dazu gleich nochmal mehr …

Übrigens: Entgegen meiner ersten Überlegung werde ich keine Folge der „Nachspielzeit“ zur MV aufnehmen. Dafür haben wir uns aber in einer kleinen Gruppe spontan nach der MV auf dem Parkplatz zusammengefunden und die ersten Eindrücke in einer Folge vom Podcast „STR“ aufgenommen. Hört also dort gerne rein!

Wenn man so manchem Kommentator glauben will (ich suche in dieser Lobhudelei allerdings vergeblich nach einem „Kommentar“), dann war alles super! Sportlicher Erfolg, tolle Zahlen bei den Entlastungen, die Vertragsverlängerungen mit dem Trainerteam und viel Applaus für die Bilder vom Spiel gegen Bayern. Einfach nur kuschelig! Oder?

Applaus für die Konserve

Es hat ja schon bei der außerordentlichen Mitgliederversammlung funktioniert: Man zeige eine paar stimmungsvolle Bilder (in diesem Fall den Sieg gegen Bayern München) und das Publikum ist gleich mal viel besser drauf. Mal ganz ehrlich, ich werde den frenetischen Jubel in diesem Rahmen für Bilder von einem zwar tollen, aber auch längst abgeschlossenem Spiel nie verstehen. Aber wie gesagt, es funktioniert immer wieder.

Besonders perfide wird diese Methode aber in den kleinen Dingen. In seinem Redebeitrag war Christian Prechtl auch auf das schon genannte AfD-Foto (dazu nachher wirklich mehr) eingegangen. Seine Antwort auf diesen Punkt hat Wolfgang Dietrich mit den Worten begonnen, dass es keine Maultaschen sondern Linsen mit Spätzle waren, die er zu dieser Gelegenheit gegessen hat. Damit hatte er nicht nur die Lacher des wohlgesinnten Publikums auf seiner Seite, sondern hat das ganze Thema auch gleich mal ins Lächerliche gerückt. Das nimmt dem Thema die Brisanz und diskreditiert auch gleich noch ein bisschen den Fragesteller. Zwei Fliegen mit einer Klappe.

Michael Reschke hat in seinem Bericht das Video gezeigt, dass er wohl bei Vertragsverhandlungen den jeweiligen Spielern auch vorführt. Zu sehen sind stimmungsvolle Bilder aus dem Stadion mit Choreografien in der Kurve und jubelnden Spielern. Unbestritten tolle Aufnahmen, die jeden Fan nicht kalt lassen können (und ja wohl bei den Verpflichtungen auch mit zum Erfolg beigetragen haben). In dem Rahmen einer Mitgliederversammlung kann ich mich des Eindrucks aber erwehren, dass damit noch eine weitere Agenda verfolgt wird. Denn wie gesagt: Wenn sich ein Großteil der versammelten Mitgliedschaft an solchen Bildern berauscht, dann ist auch in anderen Dingen wenig Kritisches zu erwarten.

Applaus für den Neuling

Thomas Hitzelsperger ist ein wirklich sehr sympathischer Mensch. Wenn er auf die Bühne tritt um erst mal glaubhaft einzugestehen, dass er jetzt doch sehr nervös sei (trotz seiner TV-Auftritte), dann mach ihn das nahbar und authentisch. Viel wichtiger als jede Sympathie sind aber die (Fußball-nahen) Inhalte. Er hat hier über seine Aufgabe als Direktor für das Nachwuchsleistungszentrum gesprochen und nochmal kurz die bisher angestoßenen Veränderungen skizziert. Den Schwerpunkt seiner Rede hat er allerdings auf die persönliche Weiterentwicklung der dem VfB anvertrauten Spieler gelegt und damit auch ein Thema besetzt, dass nicht nur der Verantwortung des Vereins gegenüber Jugendlichen gerecht wird, sondern bei guter Umsetzung auch ein weitere Pluspunkt für den VfB im Kampf um die jungen Talente sein kann. Man kann gespannt sein, wie es „Hitz“ schaffen wird, all dies in den nächsten Monaten (und Jahren?) anzugehen und umzusetzen. Denn eines ist auch Klar: Ankündigungsweltmeister ist der VfB schon, jetzt müssen endlich mal Taten folgen!

Ein Aspekt war auch noch interessant: Mir kommt es ein bisschen so vor, als würde Thomas Hitzelsperger gerade so nach und nach eine Art Trainee-Programm beim VfB durchlaufen. Erst in einer etwas nebulösen Rolle als Bindeglied zwischen Vorstand und Mannschaft beschäftigt, hat er nun nach dem Amt im Präsidium des e.V. auch eine führende Rolle im Nachwuchsbereich eingenommen. Schritt für Schritt kann er so lernen, wie ein Verein (und die dazugehörige AG) funktionieren. Und sich damit vielleicht in Zukunft für noch höhere Aufgaben qualifizieren? Wer weiß …

Hochprozentiger Applaus

In dieser Mitgliederversammlung standen nur drei Entlastungen an, weitere Entscheidungen mussten nicht getroffen werden. Und selten hat man eine Reihe von überzeugenderen Entlastungen gesehen, wie in diesem Jahr. Zumindest wenn man sich auf die Ergebnisse bezieht. Konnte ich der Entlastung des Vereinsbeirates noch guten Gewissens zustimmen (auch wenn dies schon so etwas wie Vorschusslorbeeren sind, weil man bisher noch nicht so viel gesehen hat), so waren die Entlastungen für Vorstand und Aufsichtsrat schon deutlich schwieriger. Mal ein Blick auf das Ergebnis der VfB Stuttgart 1893 AG:

 

 

Dort werden13,9 Mio. € Verlust ausgewiesen, was der schwäbischen Seele ja eigentlich weh tun sollte. Sicherlich hat das Jahr 2. Bundesliga seine Spuren hinterlassen. Und vielleicht hätte es auch noch viel schlimmer kommen können. Aber Entlastungen mit im Schnitt 90%? Das ist mir dann doch ein bisschen zu euphorisch.

Positiv: Die Abstimmung über das eigene Smartphone bzw. die Leih-Tablets hat ganz gut und auch sehr zügig funktioniert. Eine deutliche Verbesserung!

Szenen-Applaus

Die allgemeine Aussprache ist eigentlich in meinen Augen einer der wichtigsten Tagesordnungspunkte auf der MV. Leider verliert dies aber immer mehr an Bedeutung, weil die Beiträge zunehmend belangloser werden und sich (wenn überhaupt inhaltlich relevant) nur um absolute Nebenthemen drehen. Ausnahmen waren in diesem Jahr Christian (wie immer) und Joris, die tatsächlich wichtige Punkte thematisiert haben und dafür auch meinen ehrlichen Applaus erhielten. Dass die Antworten dann aber teilweise leider nicht weiterbringen, liegt meiner Auffassung nach auch am Format dieser Aussprache. Es hat sich etabliert, dass immer drei Redner im Block ihren Beitrag vorbringen und dann gesammelt von seiten des Vorstandes und Präsidiums darauf geantwortet wird. Leider lässt dies aber keine Rückfragen und Präzisierungen mehr zu, dazu müsste man sich erneut als Redner anmelden. Hier sollte der Verein dringend über eine Änderung nachdenken, damit diese Aussprache auch wirklich wieder eine Chance bekommt auch nur im Ansatz sinnstiftend zu sein.

Ich höre schon die Stimmen derer, die sagen: „Ist ja einfach sich über die Qualität der Redebeiträge zu beschweren. Mach es halt selbst besser.“. Und was soll ich sagen: Das ist im Prinzip völlig richtig! Auch in diesem Jahr habe ich wieder mit mir gekämpft, ob ich selbst ans Rednerpult treten soll. Noch war die Schwelle nach vorne zu gehen für mich zugegebenermaßen zu hoch. Wenn ich mir aber wie oben geschrieben anschaue, in welche Richtung sich die Aussprache bewegt, dann wird der Druck auch für mich selbst zunehmend größer, hier etwas zu tun …

 

Kein Applaus für Rechts

Und nun aber endlich noch zu dem Foto, dass Joachim Steinhöfel (u.a. Anwalt von Alice Weidel) von sich und Dietrich gepostet hat. In seinem Zeitpunkt natürlich mehr als unglücklich, hat es zumindest bei Teilen der Mitgliedschaft Irritationen ausgelöst. Nachfragen war da zu erwarten und zum Glück kamen sie auch. Die Antworten von Wolfgang Dietrich waren dann aber leider wieder ausweichend und haben nicht wirklich zur Beruhigung beitragen können. Zunächst führte er aus, dass Steinhöfel seit fünf Jahren sein Nachbar an seinem Zweitwohnsitz in Südafrika sei und man sich halt einfach so mal getroffen hätte. Außerdem könne er nicht einordnen, ob der Herr „rechts“ zu sehen sei. Eine mehr als unglaubwürdige Aussagen wenn man bedenkt, dass die Familie Dietrich nicht nur nachbarschaftlichen Kontakt mit Herrn Steinhöfel pflegt, sondern durchaus auch schon dessen Dienst als Anwalt in Anspruch genommen hat:

Nun soll Wolfgang Dietrich befreundet sein mit wem er will, solange das keine Auswirkung auf den VfB hat ist mir das völlig egal. Noch egaler wäre es, wenn sich der Verein in dieser Frage auch eindeutig positionieren würde („man könne sich eine Scheibe von Eintracht Frankfurt abschneiden“ sagte Christian Prechtl in seiner Rede). Aber auch hier bleibt der Verein lieber auf „sicherem“, „neutralem“ Territorium und sieht von eindeutigen Aussagen ab. Zwar engagiert man sich zum Beispiel innerhalb der Fanszene gegen rechts und hat auch den SV Babelsberg irgendwie unterstützt, aber eigentlich will man am liebsten die Schweiz der Bundesligavereine sein: Neutral in jeder Beziehung. Dagegen ist auch nichts einzuwenden, ich finde allerdings, dass eine eindeutige Position gegen Extremismus, Ausländerfeindlichkeit, Rassismus und Homophobie (List erhebt keinen Anspruch auf Vollständigkeit) nichts mit „Politik“ sondern vielmehr mit den fundamentalen Werten unserer Gesellschaft zu tun hat. Werten, die man vorbehaltlos vertreten sollte. Insbesondere, wenn man ein Verein wie der VfB ist, der einen so großen Einfluss und gesellschaftlichen Stellenwert hat. Ist aber nicht so, wie die Antwort auf eine Einladung bei Eintracht Frankfurt zu diesem Thema zeigt:

Applaus wem Applaus gebührt

Ich weiß, alles bisher Geschriebene ist in den Augen vieler (schon wieder) negativ und „Gebruddel“. Und ja, es gibt halt immer wieder Aspekte, die für mich diskussionswürdig sind. Allerdings ist natürlich nicht alles schlecht, im Gegenteil: Derzeit ist sogar einiges wirklich gut! Und so muss man einigen der handelnden Personen beim VfB wirklich Respekt zollen. Respekt dafür, den Verein wieder in (hoffentlich nachhaltig) ruhiges Fahrwasser gebracht zu haben. Dafür, die letzte Saison sportlich sehr erfolgreich abgeschlossen zu haben. Strukturen (soweit von außen erkennbar) zu hinterfragen und zukunftsfähig auszurichten. Entscheidungen getroffen zu haben, die offensichtlich richtig waren. Dafür gebührt nicht nur Respekt sondern auch ehrlicher Dank! Ich hoffe, dass man diesen Dank dann auch in Zukunft wieder aussprechen kann.


 

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