Wenig optimistisch

Da sind sie also, die ersten drei Punkte der Saison. Und selten vorher habe ich mich über einen Sieg dermaßen wenig gefreut. Sicherlich, das Spiel war spektakulär. Tore (eines davon von der absurden Sorte), ein Platzverweis und zunehmend offensives Spiel boten dem Zuschauer einiges, vieles davon war aber leider zumindest aus Stuttgarter Sicht zum Haare raufen. Bei der Bewertung des Spiels sollte man nicht vergessen, dass mit Bremen eine Mannschaft zu Gast war, die nicht nur sehr gut in die Saison gestartet ist, sondern durch ihre Spielanlage und die individuellen Fähigkeiten zumindest der Schlüsselspieler auch gezeigt hat, dass dies nicht von Ungefähr kommt. Man konnte bei den Norddeutschen zu jeder Phase des Spiels sehen, dass Vorgaben umgesetzt wurden, Laufwege abgestimmt waren und so mit dem notwendigen Selbstvertrauen auch eine Unterzahl mehr als kompensiert werden konnte. Tatsächlich hat es auch als Fan der Heimmannschaft durchaus Spaß gemacht, den Bremern beim Spielen zuzuschauen. Der VfB hingegen ließ vieles davon vermissen. Ich habe es schon während des Spiels auf Twitter geschrieben, aber wenn man im eigenen Stadion gegen einen dezimierten Gegner auf Konter spielt, dann ist das für mich ein Armutszeugnis. Nicht, dass die Cannstatter mehr hätten auf den Rasen bringen können, aber genau das ist ja das Problem. Und so hat dieser Sieg, so paradox es auch klingen mag, schonungslos die Defizite der Mannschaft aufgezeigt. Im Gegensatz zum Gegner musste man beim VfB sehr häufig das Gefühl haben, dass vieles aus dem Moment heraus entsteht und dann eben häufig auch vom Zufall geprägt ist. Andersrum gesagt kann man vielleicht aber auch festhalten, dass es der Mannschaft noch zu selten gelingt, die Spielidee wirklich umzusetzen. Donis auf die Reise zu schicken war sicherlich geplant und hat beim 1:0 ja auch hervorragend funktioniert. Aber eben auch nur dieses eine Mal. Trugen die Bremer ihre Angriffe vor konnte man sehen, dass hier Anspielstationen und Laufwege festgelegt und einstudiert waren. Letztlich führte das dazu, dass man auch in Unterzahl immer wieder gefährlich vor das Tor von Ron-Robert Zieler kam und man aus Stuttgarter Sicht sagen muss, dass einzig die mangelnde Chancenauswertung der Bremer dazu geführt hat, dass man am Ende nicht verloren hat. Mir will nach wie vor nicht in den Kopf, warum der VfB dies nach Monaten der Vorbereitung und des Trainings immer noch nicht hinbekommt. Was läuft da schief? Symptomatisch sind die auch aus den letzten Spielen immer wieder abgebrochenen Angriffsbemühungen und das hin-und-her-Geschiebe des Balls zwischen Abwehrspielern und Torspieler. Und wenn es dann mal nach vorne geht, dann muss häufig abgebrochen werden, weil keine Mitspieler anspielbar sind oder der Ballführende die freien Mannschaftskameraden nicht sieht (oder noch schlimmer: sich nicht traut den Pass zu spielen). Wie wichtig das Zusammenspiel ist hat nicht zuletzt das Tor von Donis gezeigt. Und ganz zum Schluß macht sich auch das fehlende Selbstvertrauen bemerkbar. Wenn man gesehen hat, mit welch breiter Brust die Bremer in dieser Partie aufgetreten sind, dann kann man nachvollziehen, wie wichtig dies für eine Mannschaft ist. Es bleibt zu hoffen, dass der VfB diesen ersten Sieg auch in diesem Aspekt in etwas Positives ummünzen kann. All dies zusammengenommen hat mich nach dem Spiel wenig optimistisch zurückgelassen (die Freude über den Sieg kam tatsächlich erst Stunden später). Weiter ungeklärt ist für mich die Zukunft von Trainer Korkut, da dieses Spiel für sich genommen keine Trendwende erkennen lies (von den Punkten mal abgesehen). Kann der VfB das Momentum aufnehmen und daraus etwas Positives für sich ableiten, dann soll es mir recht sein. Aber ich bin in Hinblick darauf derzeit noch mehr als skeptisch. Die Tatsache, dass man trotz aller, nun schon zur Genüge thematisierten, positiven Voraussetzungen in dieser Saison noch immer an der richtigen Aufstellung und der dazugehörigen Spielidee forscht ist, gelinde gesagt, erschreckend. Es gibt aus meiner Sicht aber auch Gutes zu berichten. Mario Gomez hat mir wirklich gut gefallen. Zwar hat er kein Tor geschossen, sein Dienst an der Mannschaft war aber in diesem Spiel außergewöhnlich und hat vielleicht das Quäntchen dazu beigetragen, dass man die Punkte in Stuttgart behalten konnte. Er ist nicht nur viel gelaufen, sondern hat auch die Mannschaft immer wieder gepusht und auf dem Feld Anweisungen gegeben. Auch seine Körpersprache und eine gewisse Aggressivität auf dem Platz senden hier unmissverständliche Signale. Und nach dem Spiel Gonzales mit einem sanften Schubs nochmal in Richtung der Cannstatter Kurve zu schieben spricht auch dafür, dass er sehr gut verstanden hat, was in diesem Moment wichtig war. Ein wirklicher Kapitän!
Mario Gomez schickt den untröstlichen Nicolas Gonzales nochmal in die Kurve

Gomez schickt Gonzales nochmal in die Kurve / via vfb-bilder.de

Auch Daniel Didavi war für mich am Samstag einer der Spieler, die für den VfB den Unterschied zu den vorangegangenen Spielen gemacht hat. Auch wenn er nach seiner Verletzung (die streng genommen ja auch noch nicht auskuriert ist) sicherlich in Sachen Fitness noch arbeiten muss, so war doch schon seine Präsenz auf dem Platz und manche Idee im Spiel nach vorne definitiv eine Verstärkung für die Brustringträger. Nicht nur der Pass auf Donis war wunderschön, auch die Gelb-Rote Karte für Veljkovic zu provozieren spricht für ein Maß an Abgebrühtheit, dass dem VfB halt in den letzten Spielen fehlte. Eingesetzt auf seiner bevorzugten Position kann Didavi tatsächlich noch sehr, sehr wichtig werden. Und dann die Kurve! Mal wieder war eine Choreo angesagt und passenden zum Motto „Cannstatter Chaos Club (seit 125 Jahren)“ ging es im positiven Sinne drunter und drüber. Bei allem Respekt für andere Choreos, aber mir ist dieses lebendige und chaotische wirklich am Liebsten und passt auch am Besten zu dem Gefühl, dass man an solchen Tagen im Stadion haben kann. Nach einem Spiel mit ohrenbetäubenden Support Nicolas Gonzales nochmal in die Kurve zu holen und ihn gesondert aufzumuntern spricht Bände. Ganz großes Kino! Tolle Fotos der Choreografie und vom Spiel gibt es auf vfb-bilder.de, hier noch ein kleines Video von kurz vor Spielbeginn.