VfB verbindet

Schon immer waren Sportvereine dazu angetan, ein besonderes Zusammengehörigkeitsgefühl zu erzeugen. Entweder man macht zusammen Sport und entwickelt gemeinsamen Ehrgeiz oder hat doch zumindest eine Grundlage für ausschweifende Gespräche und Diskussionen. Was für den „Dorfverein“ (keine Abwertung!) gilt, ist natürlich auch für große Vereine wie den VfB Stuttgart gültig. Allerdings in einer etwas anderen Form, zumindest das gemeinsame Treiben von Sport fällt hier für die allermeisten flach und man beschränkt sich da eher auf die Diskussion rund um alles um den Verein aus Bad Cannstatt. Und Gesprächsstoff liefert der VfB ja zuverlässig immer wieder. So oder so: Es entstehen die unterschiedlichsten Gruppen und Gemeinschaften. Ich möchte heute eine kleine eigene Geschichte dazu erzählen, freue mich aber noch viel mehr, dass ich dem geneigten Leser auch zwei Gastbeiträge zu diesem Thema vorstellen darf. Flo erzählt uns, wie es in dem von ihm (mit-) gegründeten VfB-Fanclub zugeht. Und Ute kann als langjährige Allesfahrerin darüber berichten, wie auch diese Auswärtsfahrten bei Ihr eine ganz spezielle Verbindung zum VfB geschaffen haben. Ein großes Dankeschön an beide für ihre Zeilen!

Momente des Glücks und Tränen der Trauer (Vom Freud und Leid des Auswärtsfahrens)

Als ich das erste Mal im Gästeblock stand, war es direkt um mich geschehen. Niemals werde ich die ersten Momente vergessen, in denen ich die Stimme für den VfB erhoben hatte, meine Faust in die Luft streckte und versuchte, Lieder zu singen, die ich zuvor noch nie gehört hatte. Meine Geschichte beginnt vor über elf Jahren im Berliner Olympiastadion. Dieses Spiel hatte der VfB trotz Führung noch verloren – ein früher, bittersüßer Vorgeschmack auf das, was kommen sollte.

145 Auswärtsspiele später erinnere ich mich noch immer. Ich erinnere mich an Momente voller Zauber, die Aufregung, die Vorfreude – aber auch an so manche Tage der Trauer, der Wut, der Hoffnungslosigkeit. Seit einigen Jahren begleite ich den VfB nun auf fast jedes Auswärtsspiel, ein Hobby, dass mir lieb und teuer geworden war, aber auch viel Zeit, Nerven und Kraft gekostet hat. Seit dem Jahre 2014 zähle ich zu den gut 450 Auswärtsdauerkartenbesitzern, die bei so gut wie jedem Spiel dabei sind. Lange Zeit stellte sich nicht die Frage, ob man irgendwo hinfährt, sondern nur, wie man denn die Reise bestreiten würde. Bus, Kleinwagen, Siebensitzer mit Freunden, Luxuskarosse, Zug, Flugzeug – oder mit der örtlichen Straßenbahn. Das Auswärtsfahren gehörte die letzten Jahre zu meinem Leben dazu wie die Luft zum Atmen. Klingt wunderbar, nicht? Dass es viele Opfer fordert, sehen dabei aber nur wenige.

Für die meisten, die diese Zeilen lesen, sieht ein Auswärtsspiel vielleicht so aus: Ticket mehrere Wochen vorher kaufen, mit Freunden die Fahrt im Auto, Zug oder Bus planen, Trikot und Schal am Abend zuvor herauslegen, Bier auf der Hinfahrt, Spiel schauen, Freuen oder Ärgern, Bier auf der Rückfahrt – und am nächsten Tag geht der Alltag einfach weiter. Aber nicht für mich. Wann immer ich mich auf den Weg zum Stadion mache, ist immer meine Kamera dabei. Als Fanfotografin empfinde ich es als Aufgabe, ein jedes Spiel zu dokumentieren, sei es daheim oder auswärts. Und wenn das Spiel vorbei ist, bleibt oft keine Zeit für ein Bier. Gleich am Laptop werden oft die Bilder bearbeitet, für Frustbewältigung oder Feierei ist einfach kein Platz zwischen Speicherkarte und Photoshop. Manche werden vielleicht denken, ich habe es mir selbst ausgesucht. Das stimmt auch. Und doch ist es alles andere als einfach.

Das Leben als Frohnatur überlasse ich lieber anderen. Die letzten Jahre des Abstiegskampfes hatten mich schließlich mürbe gemacht, ich habe schon zu viel gesehen, um zu glauben, dass der VfB eines Tages wirklich aus seinen Fehlern lernen würde. Dass die Zweitligasaison geradezu Spaß gemacht hatte und das erste Jahr nach dem Aufstieg mit einer phänomenalen Rückrunde endete, überdeckt dabei nur allzu gern das, was der VfB in den letzten Jahren falsch gemacht hatte. Das alles hat mich zum Pessimisten werden lassen, dabei war ich längst nicht immer so. Vielleicht ist es der verkappte Glaube, dass es weit weniger wehtun würde, wenn man das Unheil auf einen zukommen sieht, als dass es einen völlig überrascht. Das macht einen standhafter für jegliches Unheil, vergiftet allerdings langsam aber sicher die Fähigkeit, positiv in die Zukunft zu sehen.

Bild via vfb-bilder.de

Ich habe aufgehört zu zählen, wie oft ich gehört habe, es sei ja „nur Fußball“. Für manche ist es eben mehr als das. Und für ein paar wenige ist er viel mehr als das. Es ist nicht eben „nur Fußball“, wenn du mitten in der Nacht an einem Wochenende den Wecker stellst, völlig verschlafen deinen Rucksack packst und dann halb komatös zu einem Stadion aufbrichst, das hunderte Kilometer entfernt ist. Es ist nicht eben „nur Fußball“, wenn du deine Urlaubs- und Freizeitplanung vom Spielplan der Bundesliga abhängig machst und dir für den Sommerurlaub lediglich das knappe Zeitfenster zwischen Saisonabschluss und Pokalauftakt bleibt. Es ist nicht eben „nur Fußball“, wenn eine einzige Niederlage deines Lieblingsvereins es schafft, dir die Laune mehrere Tage zu vermiesen und du allergisch auf alles reagierst, was nur im entferntesten provokativ ist. Ich kenne all diese Dinge nur zu gut. Das war nicht immer so – als ich mein Herz an den Fußball verlor, wusste ich nicht, was auf mich zukommen würde.

Der VfB mag vielleicht nicht mehr diese Leidenschaft auslösen, die ich noch vor einigen Jahren fand. Viel Neues habe ich in den letzten elf Jahren gesehen, viel Neues gibt es im Jahre 2018 allerdings nicht mehr. Alle Stadien wurden schon einmal, oft auch mehrmals besucht; der Fußball bis zur Unkenntlichkeit kommerzialisiert; die Freude an dem, was mich jahrelang begleitet hat, ist zuletzt deutlich geschwunden. Und dennoch gibt es sie noch immer da draußen, diese unfassbaren Momente, fern der Heimat im Stadion zu stehen, eingepfercht in einem kleinen Eck eines Betonklotzes. Es gibt Tage, da empfindest du dieses Glücksgefühl, wenn du die Lieder singst, im Takt hüpfst und aus ganzer Seele schreist. Magische Momente haben wir alle schon erlebt. Sie geben uns Gänsehaut, lassen das Adrenalin durch unsere Adern schießen und lassen uns glauben, dass wir nirgendwo lieber sein wollen als hier. Wenn auf einmal alles Sinn macht und du es als Schicksal empfindest, diesem Moment beiwohnen zu dürfen und dir Tränen der Freude über die Wange rollen. Der Klassenerhalt in Paderborn, das Zweitligaspiel in Nürnberg, der Auswärtssieg in München – das sind die Dinge, die dich auch nach Jahren noch lächeln lassen. Wir alle brauchen solche Momente, da bin ich keine Ausnahme. Ohne sie würde ich sonst eines Tages vergessen, warum ich das alles tue.

(Ute hat unter VfBegeisterung.de Ihren eigenen Blog und macht dazu auch schon seit Jahren Bilder von vielen VfB-Spielen (vfb-bilder.de). Schaut unbedingt rein!)

Ein Leben lang Weiß-Rot

Vor ziemlich genau drei Jahren haben zwei Freunde und ich unseren Fanclub „Ein Leben lang Weiß-Rot“ gegründet. Wir wollten nicht nur Fans, sondern auch ein Teil des VfB Stuttgart sein und unsere Unterstützung auch auf diese Weise Kund tun. Mittlerweile haben wir durch Freunde und Verwandte die Marke von ca. 30 Mitgliedern erreicht, die regelmäßig daheim vor dem Fernseher, und im Stadion mit dem VfB fiebern. Wir treffen uns in regelmäßigen Abständen zum Stammtisch und haben auch hier und da auch schon andere Fanclubs besucht, bzw. Kontakt zu ihnen aufgenommen. Da wir aber nicht nur zuhause in Cannstatt den VfB anfeuern wollen, sondern auch deutschlandweit die Stadien zu unserem Zuhause machen wollen, gehen zumindest ein Teil unserer Mitglieder in regelmäßigen Abständen auf Auswärtsfahrt, sofern es Arbeit und Studium zulassen.
Es war natürlich auch ein Anreiz unseren Fanclub zu gründen, um aktiv an der Entwicklung des Fanumfelds mitzuwirken. Auch wenn es meistens nur um „Kleinigkeiten“ rund um das Stadion geht ist es wichtig, auch hier seine Meinung mitzuteilen. Gerade auf den Tag des Brustrings bezogen und der Kritik rund um die Versorgung der Fans mit Wasser.
 Man hat als Fanclub zwar keinen direkten Einfluss auf die Entwicklungen, bekommt aber meiner Meinung nach eher Gehör wenn es etwas zu bemängeln gibt.

(Florian ist 27 Jahre alt und studiert in Tübingen Bioinformatik. Er leidet und feiert mit dem VfB seit einem viertel Jahrhundert, nachdem er mit zwei Jahren sein erstes VfB-Trikot bekommen hat. Auf Twitter ist der der @florrest_gump)

Wie ein „Soziales Netzwerk“ wirklich sozial wurde …

Bei mir ist es ganz grundsätzlich so: Ich bin zwar Mitglied beim VfB, aber in keinem Fanclub (mich persönlich schreckt zu viel „Vereinsmeierei“ ab). Ins Stadion gehe ich in der Regel ohne Begleitung, Spiele schaue ich am Fernseher auch meist alleine. Und das ist für mich auch völlig ok so. Das soll nicht heißen, dass ich mich im Stadion nicht auch gerne mit Anderen treffe oder Spiele in Gemeinschaft anschaue. Aber wenn es sich nicht ergibt, dann passt das halt auch.

Als Nutzer des Kurznachrichtendienstes „Twitter“ (dort bin ich der @brustring1893) bin ich irgendwann mal über einen „Twitter-Stammtisch“ in Stuttgart gestolpert, bei dem sich Fußball-Fans treffen um über alles Mögliche zu sprechen und zu diskutieren. Im echten Leben! „Interessant“, dachte ich, „lass das mal aus der Ferne vorsichtig verfolgen“. Zunächst hat mir das aber vor allem erst mal Fotos von Weingläsern und verschiedensten Gerichten (Maultaschen!) in die Timeline gespült. So weit, so gut, aber wenig ergiebig. Blieb also nichts anderes übrig, als doch mal selbst dort vorbeizuschauen. Der traditionelle Stammtisch im Biergarten auf der Karlshöhe bot dafür einen guten Anlass. Nicht wissend, was mich erwarten würde, tauchte ich dort einfach auf und verbrachten den ersten Abend vor allem erst mal mit Zuhören und „sich ein Bild machen“. Beim nächsten Termin war ich wieder dabei und seit dem sehr viele Male.

Das „Warum“ ist ganz einfach: der „Tweetpass“ (@tpstgt, #tpstgt) macht Spaß! Ich durfte so viele sehr nette Menschen kennenlernen, viele Diskussionen über den Fußball und den VfB insbesondere (auch mal kontrovers) führen und habe Gemeinsamkeiten entdeckt, die an sich schon jenseits vom Fußball so viel Gesprächsstoff bieten. Und so entstehen Verbindungen, die weit über das Thema „VfB“ hinausgehen und dadurch auch so viel gehaltvoller sind. Egal ob man feststellt, in Nachbarorten aufgewachsenen zu sein, das gleiche Interesse für Musik (und das Musikmachen!) zu haben oder auch mal über berufliche Dinge zu sprechen. Es ist schon sehr erstaunlich, wie gut die thematischen Überschneidungen teilweise sind. Und Grundlage für diese alles war für mich am Ende dann aber das gemeinsame Interesse für den VfB. Von daher kann ich in diesem Fall von Herzen sagen: Der VfB verbindet!

Habt Ihr ähnliche Geschichten? Dann ab in die Kommentare damit!!