Nachspielzeit 11: Hybris

Der VfB steckt mal wieder in einer sehr schwierigen Phase. Sowohl sportlich läuft es noch nicht, aber auch die Gesamtstimmung rund um den Club kühlt merklich ab. Das ist sicherlich auch eine Folge der aktuellen Leistung der Cannstatter aber meinem Empfinden nach eben nicht nur. Für mich gibt es viel Gesprächsbedarf weswegen ich einfach mal so tun will, als ob heute eine Mitgliederversammlung wäre und ich dort einen Redebeitrag halten würden (den Text zum Nachlesen findet Ihr wie gewohnt weiter unten, den Podcast gibt es im der App Eurer Wahl oder hier).


Sehr geehrtes Präsidium des Vereins,
sehr geehrter Vorstand der AG,
meine lieben Mitglieder,

dies ist heute meine erste Rede auf einer Mitgliederversammlung, ich bitte daher meine Nervosität etwas nachzusehen.

In der Wikipedia habe ich gelesen:

Die Hybris bezeichnet eine extreme Form der Selbstüberschätzung oder auch des Hochmuts. Man verbindet mit Hybris häufig den Realitätsverlust einer Person und die Überschätzung der eigenen Fähigkeiten, Leistungen und Kompetenzen, vor allem von Personen in Machtpositionen.

Was in diesem Artikel nicht vorkommt ist die Nennung von konkreten Beispielen. Ich würde vorschlagen, hier den VfB und einige der handelnden Personen mit aufzunehmen.

Präsident Dietrich hatte auf der letzten MV in seiner Rede gesagt (und ich zitiere):

Ich halte heute die erste Rede, in der die Abwärtsspirale der letzten Jahre keine Rolle mehr spielen wird.

Ist jetzt nicht ganz so gut gealtert diese Rede, oder Herr Dietrich? Und auch Sie Herr Reschke hatten sich vor der Saison festgelegt, dass wir mit dem Abstieg nichts zu tun haben würden. Nun haben wir mit Markus Weinzierl einen neuen Trainer beim VfB und sind damit wieder auf das sich in Stuttgart allzeit fröhlich drehende Trainerkarussell aufgesprungen. Einen Trainerwechsel, den ich (das möchte ich an dieser Stelle deutlich sagen) absolut begrüße. Und doch sind wir leider wieder an dem Punkt angekommen, an dem der VfB halt die Dinge macht, die er immer macht. Der Trainerverschleiß ist mittlerweile legendär, die Folgen werden auf dem Platz deutlich. Ich kann mich noch daran erinnern, wie gut es sich angefühlt hat, als der VfB eine erkennbare Strategie hatte und diese uns auch durch die zweite Liga zum Aufstieg getragen hat. Eine Strategie, an der man sicherlich noch hätte weiter arbeiten müssen, die dennoch ein Versprechen in die Zukunft war. Mit verschiedenen Personalwechseln ist das mittlerweile aber schon wieder ein Fall für die Archive des VfB. Und jetzt haben wir … irgendwas. Vielleicht können Sie mich darüber ja mal aufklären Herr Reschke was wir jetzt haben, denn das würde mich wirklich sehr interessieren. Ich würde außerdem gerne auch eine Einblick in die Entscheidungsfindungen zum Beispiel in Bezug auf die Vertragsverlängerung mit Herrn Korkut bekommen. Warum wurde diese Verlängerung durchgezogen, obwohl es dazu keine Veranlassung gab und sogar auf Tayfun Korkut öffentlich gesagt hat, dass er dies nicht braucht. Ihre Antworten hätte ich wenn möglich gerne ohne eine massive Beugung der Wahrheit.

Herr Dietrich, auch von Ihnen hätte ich gerne mal gewusst, welche Gesamtstrategie der Verein verfolgt. Wie ist es denn überhaupt um den Verein und die ihm gehörende AG bestellt? Hier hat man sich wie viele andere auch dazu entschlossen, nach China zu schauen und hat eine Kooperation mit Guangzhou aufgetan. Ich habe viel darüber gelesen, mir ist aber immer noch nicht so richtig klar, was denn jetzt genau Ziel und Mehrwert ist. Auf wie viele Jahre ist das Engagement denn angelegt, bis es eine „Erfolg“ (in welcher Form auch immer) sichtbar werden soll? Da kann mir ja vielleicht Herr Röttgermann weiterhelfen. Nebenbei gesagt, und bewusst etwas polemisch formuliert, wäre es mir persönlich auch sehr viel lieber, wenn die Internationalisierung wieder hier im Stadion auf dem Fußballrasen und nicht im fernen China stattfinden würde. Das ist in der aktuellen Situation aber nur eine Utopie, ich weiß.

Apropos AG: Wie viel Geld ist den von der ersten Tranche der Ausgliederung noch vorhanden Herr Heim? Modernisierungen auf dem Clubgelände, namhafte Investitionen in den Kader und die Gehälter mehrerer Trainer werden sicherlich ein großes Loch gerissen haben. Und auch wenn der Verkauf von Benjamin Pavard zur kommenden Saison hoffentlich lukrativ sein wird, so wird ja allem Vernehmen nach weiter nach einem Investor gesucht. Wie geht es denn da voran? Gibt es schon konkrete Gespräche? Und geht man denn mit der gleichen Bewertung des Vereins ins Rennen wie seinerzeit beim Ankerinvestor Daimler?

Und wenn wir gerade bei e.V. und AG sind: Mir drängt sich in letzter Zeit ganz massiv der Eindruck auf, dass die Gremien offensichtlich nicht wirklich in ihrer Arbeit verzahnt sind und die Kommunikation wohl auch eher Glückssache ist. Es ist schon bezeichnend, wenn mit Guido Buchwald ein Aufsichtsrat (!) ein Interview als Weg wählt (oder wählen muss, wer weiß das schon) um Themen zu adressieren. Themen, die eigentlich intern besprochen werden sollten. Wie kommt so etwas? Darüberhinaus frage ich mich auch, wie denn der Aufsichtsrat seine Aufgabe in der AG, nämlich den Vorstand zu beaufsichtigen, ganz konkret ausübt. Gibt es „den“ Aufsichtsrat überhaupt oder wird hier nur nach ihrer Meinung entschieden Herr Dietrich? Ich habe vorhin schon ein paar Punkte angesprochen, wo ich mir schon gewünscht hätte, dass der Vorstand mehr hinterfragt wird. Dafür sind die Gremien in ihrer Aufgabenteilung nämlich da. Wenn aber, wie kolportiert, die Entscheidungen immer einstimming nach der Vorgabe einer Person getroffen werden, dann haben wir Verhältnisse wie in einer Diktatur.

So, noch eine letzte Bitte: Gehen Sie in Ihren Antworten doch bitte ganz konkret auf meine Fragen und Punkte ein und äußern Sie sich in greifbaren Aussagen und flüchten nicht in Allgemeinplätze. Gerne stehe ich darüberhinaus natürlich auch für ein persönliches Gespräch zur Verfügung.

Danke!


Natürlich wäre es zu einfach, die aktuelle sportliche Situation nur an Präsident und Sportvorstand festzumachen. Sicherlich gibt es da viele Faktoren, die eine Rolle spielen. Genannt sei hier zum Beispiel der Zustand der Mannschaft  in Bezug auf Fitness, mentale Frische, taktisches Verständnis und ganz einfach „Mentalität“. Und dennoch sind einige Dinge meiner Meinung nach ganz konkret auf Entscheidungen zurückzuführen, die die zuständigen Personen beim VfB so getroffen haben. Und zwar falsch getroffen haben! Das Thema „Trainer“ habe ich oben schon kurz angesprochen (auch wenn es dazu noch sehr viel mehr zu sagen gäbe), die Kaderplanung ist ein weiteres. Hier passt weder die Mischung noch die Breite des Kaders. Kaum ein Spieler schafft es, seine Leistung komplett abzurufen auch wenn im Spiel gegen Frankfurt durchaus bei Maffeo und Gonzales meiner Meinung nach ein paar gute Ansätzen zu sehen waren. Komplett fällt dafür die vielzitierte „Achse“ der erfahreneren Spieler aus. Hier muss man sich schon fragen, was da in den Köpfen vorgeht und warum die Leistung so gar nicht stimmt. Was geht beim VfB hinter verschlossenen Türen vor, dass so viele Spieler immer wieder einen Absturz in Stuttgart erleben?

Ich habe kürzlich geschrieben, dass wir jetzt Geduld und Hoffnung brauchen und dazu stehe ich auch nach der nächsten unterirdischen Leistung. Allerdings wird es auch mit jedem verlorenen Spiel schwerer, sich zu der Hoffnung zu zwingen bzw. die Hoffnungen immer weiter runterzuschrauben („Wenn sie wenigstens mal wieder ein Tor schießen würden …“). Der VfB muss wirklich aufpassen, wie er die nächsten Wochen und Monate angeht. Das gilt genauso im sportlichen Bereich wie auch für den Club allgemein. Ein nochmaliger Abstieg würde ganz sicher nicht mehr so ablaufen, wie es beim letzten Mal war. Dazu hat der Verein mittlerweile viel zu viel verbrannte Erde hinterlassen, sich von Teilen der Fans und Mitglieder entfremdet und auch die Sponsoren schauen sich das derzeit sicherlich ganz genau an. Im Herbst 2018 gibt der VfB ein Bild nach Außen ab, dass noch viel schlechter als in der Abstiegssaison ist. Grund genug, dass sich die Verantworlichen hinterfragen und bei ausreichender, ehrlicher Selbstreflektion und entsprechenden Erkenntnissen auch mal die Konsequenzen ziehen.