Make VfB sympathisch again!

So schlimm es beim VfB auch gerade sein mag. Mann sollte nie vergessen, dass das Gras anderswo meist auch nicht grüner ist. Die Sympathiewerte der Herren Rummenigge und Hoeneß unterschreiten sicherlich locker die von Dietrich und Reschke und auch Martin Kind und seinen Wahn nach totaler Vereinskontrolle kann eh niemand leiden.

Aber ganz ehrlich: Ist das unser Maßstab? Nicht ganz die Schlimmsten zu sein? Die Einäugigen unter den Blinden?

Ich denke nicht und plädiere deswegen dafür, den VfB wieder sympathisch zu machen! Es muss ja nicht gleich ganz Fußball-Deutschland die Stuttgarter lieben, aber als Fan und Mitglied sollte man sich doch wieder uneingeschränkt mit dem Verein (und meinetwegen auch der AG) identifizieren können. Wie kommen wir dahin?

Die erste Maßnahme kann nur eine sein: Präsident Wolfgang Dietrich muss von seinen Ämtern zurücktreten! Nach nunmehr zwei Jahren Amtszeit muss man konstatieren, dass sich unter seiner Führung der Verein kontinuierlich immer weiter verschlechtert hat. Für mich war tatsächlich der einzige Erfolg der Wiederaufstieg aus der 2. Bundesliga. Ansonsten kann ich weder im sportlichen Bereich noch in anderen Dingen des Clubs eine positive Entwicklung erkennen. Vielmehr hat Dietrich wohl ein System installiert, dass ihm vollen Durchgriff auf die Geschicke des VfB gewährt, ohne dass es dort ein Korrektiv zu geben scheint (die immer „einstimmig“ getroffenen Entscheidungen zeichnen da ein deutliches Bild). Wenn Dietrich diese Befugnisse aber tatsächlich so zustehen, dann hat er – die aktuelle Situation zeigt es – schlicht und einfach in seiner Führungsaufgabe versagt:

  • Mit Michael Reschke (auf ihn kommen wir gleich noch zu sprechen) hat er einen Sportvorstand installiert, der in fachlicher Hinsicht bisher nur wenig Vorzeigbares leisten konnte. Gleichzeitig ist man aber in der AG auf der Führungsebene komplett abhängig von seiner Expertise. Von weniger wichtigen Dingen wie der Außendarstellung wollen wir gar nicht reden.
  • Nach der erfolgten Ausgliederung läuft die Suche nach Investoren allem Vernehmen nach nur schleppend. Und das, obwohl einem ja die ganze Welt offen steht. Auf die in der Ausgliederungskampagne suggerierten Investoren mit lokaler Verankerung möchte und kann man ja offensichtlich nicht zurückgreifen. Der VfB wird aber viel Geld benötigen um entweder den Klassenerhalt in dieser und der kommenden Saison zu schaffen oder um die erneuten Verluste bei einem Abstieg zu kompensieren.
  • Der VfB hat keine erkennbare Strategie. Da macht man hier mal eine Kooperation mit einem chinesischen Verein (zu welchem Zweck jetzt noch mal genau?), eiert dort mit dem Erhalt oder Abschaffung der zweiten Mannschaft rum und schafft es fortgesetzt nicht, für die Profis ein nachhaltiges Konzept zu etablieren. Die Vorgabe einer Strategie ist aber in jedem Unternehmen zuvorderst eine Aufgabe des CEO (hier: Präsidenten und Vorsitzenden des Aufsichtsrates) und somit ein weiteres Feld, in dem Wolfgang Dietrich nicht der Herausforderung gerecht wird.
  • Herr Dietrich hat nach dem Abstieg die große Chance nicht genutzt, den VfB neu aufzustellen. Klar, man hat ausgegliedert und die Gremien der neuen Struktur angepasst. Und ja, auch ein paar neue Gesichter sind dazugekommen. Aber hat sich wirklich was zum Positiven geändert? Ich sehe da rein gar nichts. Was macht denn zum Beispiel der Vereinsbeirat in seinen verschiedenen Gremien?
  • Fans und Mitglieder wenden sich zunehmend vom VfB als Verein, insbesondere aber von den handelnden Personen ab. Strategisch geschickt versucht man das mit immer weiter steigenden Mitgliederzahlen zu kaschieren, dass diese Zahl aber rein gar nichts mit der Identifikation zum Club mit dem Brustring zu tun hat, sollte jedem klar sein. Diese Entwicklung ist in meinen Augen sogar viel alarmierender als die aktuelle sportliche Situation, weil sie den VfB noch nachhaltiger beschädigen kann!

Bitte nicht falsch verstehen Herr Dietrich. Diese Kritik und die Aufforderung zum Rücktritt liegt NICHT zuvorderst in der aktuellen sportlichen Misere begründet. Vielmehr ist sie für mich eine Essenz Ihres Wirkens in den letzten Jahren und der allgemeinen Stimmungslage, wie ich sie bei mir selbst aber auch immer deutlicher im Umfeld des VfB wahrnehme. Wenn Sie wirklich, wie Sie ja gerne immer wieder betonen, alles den Interessen des VfB unterordnen, dann ist es an der Zeit, eine geordnete Übergabe einzuleiten. Was dann nebenbei gesagt auch bedeutet, dass es bei der Wahl des neuen Präsidenten echte Alternativen und nicht nur einen Kandidaten gibt.

Kommen wir zum Vorstand Sport Michael Reschke, der sicherlich nach der nach wie vor ungeklärten Entlassung von Jan Schindelmeiser einen schweren Start hatte, bis jetzt aber auch immer noch nicht so richtig in seiner Rolle und Aufgabe angekommen zu sein scheint. Nach der außergewöhnlichen Rückrunde der vergangenen Saison hat Michael Reschke nicht nur Stunden später einen Großteil der Neuverpflichtungen und damit die Ausrichtung des Kaders präsentiert, sondern auch kurz darauf noch ohne Not die Verträge mit dem damaligen Trainerteam verlängert. Vor allem Letzteres ist in der Rückschau definitiv nach hinten losgegangen und zeugt von einer kompletten Fehleinschätzung der Lage (auch wenn man von Seiten des Vereins natürlich nicht müde wird zu betonen, dass die Rückrunde schon realistisch eingeschätzt hat).

Der Kader der Profis des VfB ist komplett unausgewogen und auch viel zu dünn besetzt. Vermeintliche Leistungsträger (aka „die Achse“) bringen seit Wochen nicht die Leistung, die von ihnen zu erwarten wäre und damit hängen dann auch die jüngeren Spieler viel zu oft in der Luft und entwickeln sich nicht so, wie man es erwartet hat. Viele längerfristige Verletzungen schwächen die Mannschaft nicht nur in der Personaldecke sondern vor allem auch im Potential, da wichtige Eigenschaften wie Kreativität oder Schnelligkeit fehlen oder doch zumindest nicht in ausreichendem Maße verfügbar sind. Sicher, Michael Reschke lag bei seinen Transfers nicht komplett daneben. Spieler wie zum Beispiel Ascacibar oder Thommy sind Bereicherungen für den VfB. Dem gegenüber stehen aber leider zu viele Entscheidungen, die nur schwer oder nicht nachvollziehbar waren. Und wenn man nun auf die anstehende Winter-Transferperiode schaut kann man eigentlich nur hoffen, dass an den gehandelten Namen wirklich wenig dran ist. Es ist schon schlimm genug, dass man sich schon wieder dermaßen in Rücklage befindet, dass man nur noch reagieren und nicht agieren kann.

Genauso sehe ich es im Übrigen auch im Aufgabenbereich von Michael Reschke, dafür zu sorgen, dass Spieler ihr Potential und die Leistung abrufen können. Das ist weiterhin nicht der Fall wie wir jedes Wochenende immer wieder aufs Neue bestaunen müssen. Wurde denn schon analysiert, welche Rahmenbedingungen beim VfB dies verhindern und wie diese verändert werden müssen? Wird man hier tätig? Man weiß es nicht genau, sehen kann man aber zumindest nichts. Genauso wenig übrigens wie von der übergreifenden sportlichen Strategie beim VfB. Hier würde mich doch sehr interessieren, wie nun die Ausbildungsinhalte und Entwicklungen der Jugendmannschaften ausgerichtet werden um die Wahrscheinlichkeit deutlich zu erhöhen, zukünftig wieder Spieler aus der eigenen Jugend in die Profimannschaft ziehen zu können. Ja, das braucht Zeit und wird erst in ein paar Jahren wirklich Früchte tragen. Aber wie wollen wir denn dahin kommen? Auch hier wünsche ich mir mehr Transparenz.

Alles in allem ist Michael Reschke somit für mich nicht die richtige Person auf seiner Position. Er sollte entweder wieder in die Rolle des Kaderplaners schlüpfen und hinter den Kulissen als Teil eines Teams wirken oder aber Platz für eine Person machen, die den sportlichen Bereich beim VfB mit Überblick und einem tragfähigen, langfristig ausgelegten Plan vorantreiben kann.

Das bringt uns zum nächsten Punkt: Wer soll es denn dann machen? Eine Frage, die ich ehrlicherweise heute nicht beantworten kann. Natürlich fällt einem als Person im Verein sehr schnell Thomas Hitzelsperger ein (den ich sehr schätze!), der aber meiner Einschätzung nach noch Erfahrungen in der Vereinsarbeit sammeln und sicherlich auch erste Erfolge erarbeiten muss. Insgesamt ist er aber sicherlich eine Person, die in Zukunft eine größere Rolle beim VfB spielen kann.

Ganz allgemein würde ich mir von neuem Personal folgende Eigenschaften wünschen:

  • Glaubwürdigkeit und Integrität mit einem klaren Wertesystem
  • Herausragende fachliche Expertise für den jeweiligen Aufgabenbereich
  • Strategisches Denken und Handeln im Kontext eines Sportvereins
  • Die Fähigkeit außerhalb der gewohnten Bahnen zu denken und neue Ansätze zu entwickeln
  • Erklärter Wille zur Zusammenarbeit mit allen Gruppierungen im und rund um den Verein und der notwendigen Transparenz
  • VfB-Stallgeruch ist keine Voraussetzung (müffelt sonst vielleicht doch irgendwann zu sehr bei uns)

Das sind viele Wünsche auf ein Mal, ich weiß. Und vielleicht wird man solche Personen auch gar nicht in der Ausprägung finden. Aber es sollte doch ein fortwährendes Ziel sein, Menschen, die dies erfüllen, zum VfB zu bekommen. Um hier wirklich etwas für die Zukunft zu entwickeln und sich nicht nur auf der eigenen Tradition auszuruhen. So wie der Verein aber derzeit dasteht, wird sich das wahrscheinlich niemand antun wollen …

Ich möchte nochmal auf den Begriff „sympathisch“ zurückkommen. Was hat dieser damit zu tun, dass Strukturen aufgebrochen und neu geordnet werden müssen? Dass ein sportliches Konzept her muss, dass nicht nur bis zur nächsten Trainerentlassung gedacht ist? Das die Führung eines Unternehmens mit einem höchst emotionalen Produkt nicht nur das Ausspielen penetranter Marketing-Kampagnen ist? Nun, ich hätte auch „erfolgreich“ schreiben können, was aber aus meiner Sicht nicht umfassend genug gewesen wäre. „Erfolg“ ist etwas, dass im Sport mal kommt, mal geht und keine wirkliche Konstante darstellt. Man kann höchstens die Phasen des (relativen) Erfolgs verlängern und die des Misserfolgs verkürzen. Mit der Vokabel „sympathisch“ will ich aber transportieren, dass der gesamte Verein neu ausgerichtet werden und dies über den reinen sportlichen Erfolg hinausgehen muss. Im Rasenfunk wurde kürzlich gesagt, dass man es beim VfB seit Jahren nicht schafft, die schnelle Zufriedenheit bei ersten Erfolgen auszutreiben (Stichwort „Leistungskultur“). Das ist absolut richtig beobachtet und stellt quasi den ersten Eintrag im Hausaufgabenheft der (neuen!) Vereinsführung dar. Dazu muss der VfB ein Mal komplett auf Links gedreht und wirklich alles hinterfragt werden. Das ist ein schmerzhafter und auch langwieriger Prozess, der nicht ohne Probleme ablaufen und möglicherweise auch Auswirkung auf den Sport haben wird. Nur mit punktuellen Maßnahmen wird man meiner Meinung nach nicht mehr aus der umfassenden Misere herauskommen, in die man sich über viele Jahre selbst hineinmanövriert hat.

Im Vereinsnamen steckt das Wort „Bewegung“ drin. Und genau diese brauchen wir jetzt, um den VfB wieder in eine in allen Belangen zukunftsfähige Richtung zu lenken.