Fehlerkette

Der Vertikalpass stellt in seiner Rückschau auf das Spiel gegen Mainz die berechtigte Frage, ob der VfB seine Fans verliert. Ich würde noch sein Stück weitergehen und fragen, wann der VfB seine Fans verloren hat.

In der Rückschau muss man sagen, dass das einschneidende Datum wohl der 9. Oktober 2016 war. An diesem Tag wurde Wolfgang Dietrich auf der Mitgliederversammlung mit gerade mal 57,2% der Stimmen zum Präsidenten des VfB Stuttgart gewählt. Ein (schlechtes) Wahlergebnis, dass vor allem vor dem Hintergrund eines fehlenden Gegenkandidaten Bände spricht. Er wolle der Präsident aller sein und bedanke sich für das Vertrauen hat Dietrich damals gesagt. Ersteres ist mitnichten der Fall und Letzteres hat er über die Zeit mehrfach schamlos mißbraucht. Wenn man sich die Historie des WD beim VfB anschaut, dann gibt es viele Punkte, an denen Dinge einfach falsch entschieden und angegangen wurden.

Natürlich fällt da zunächst die bis heute ungeklärte Entlassung von Jan Schindelmeiser ein, die Verpflichtung von Michael Reschke (die an sich nochmal eine ganze Reihe von Folgefehlern erzeugt hat, in diesem Beitrag aber kein Thema sein soll – zu umfangreich …) und die Entlassung von Hannes Wolf. Das sind die offensichtlichen Dinge, geschenkt. Wenn man etwas weiter schaut fallen noch mehr Themen ein, die aber mindestens eine genauso tiefgreifende Wirkung haben.

Der VfB soll ein Unternehmen werden, lässt gleichzeitig aber weiterhin in viel zu vielen Bereichen die dafür notwendigen Strukturen vermissen. Personen können schalten und walten, werden aber nur unzureichend kontrolliert. Oder wie kann ein Vorstand Sport zum Beispiel Millionen um Millionen ausgeben, ohne dass man bisher auch nur ansatzweise einen adäquaten Gegenwert dafür bekommen hätte? Ein Vorstand, der mehrfach gelogen hat und sich am Ende auch noch gut dabei fühlt, weil ja alles im Sinne des VfB sei (allerdings nicht in meinem Sinne als Mitglied dieses Vereins). Eine Strategie ist weiterhin nur mit viel gutem Willen erkennbar, oft aber auch gar nicht (Stichwort VfB II). Die Außendarstellung des Vereins ist unter der Führung Dietrichs mittlerweile eine Katastrophe, viele (nicht alle) Personalentscheidungen entpuppen sich als Fehlgriff und die Suche nach neuen Investoren scheint auch weit weg vom Plan zu sein. Wenn WD den VfB Stuttgart aber schon zu einem Unternehmen umbaut, dass muss er sich auch der Bewertung als Führungsperson stellen. Und da kann die Bilanz nur niederschmetternd ausfallen und in logischer Folge muss dies dann auch zum Rücktritt führen. Auf keinen Fall darf es aber nach dem Ablauf der Amtszeit zu einer Wiederwahl kommen!

Unter Bernd Wahler hatte der VfB begonnen, einen relativ offenen Dialog mit seinen Mitgliedern zu führen. Und auch wenn die damals abgehaltenen Regionalkonferenzen und die Zukunftswerkstatt schon auch gewissen Zielen folgten, so war es doch eine Möglichkeit, sehr ungefiltert mit den verantwortlichen Personen im Verein ins Gespräch zu kommen. Es gab keinerlei Berührungsängste, man war per Du. Ich selbst habe einige dieser Veranstaltungen besucht und bin jedes Mal mit einem guten Gefühl nach Hause gefahren. Eine der ersten Handlungen von Wolfgang Dietrich war, diesen Weg der Kommunikation zu beenden und den VfB so mit einem Strich wieder distanzierter und unpersönlicher zu machen. Hatten diese Regionalkonferenzen dazu beigetragen, mit enger mit dem Verein verbunden zu fühlen? Haben sie vielleicht auch den Fußball-Romantiker in mir angesprochen? Zur Hölle ja! Wolfang Dietrich hingegen ist dabei, den Verein ohne Rücksicht auf Verluste in ein Unternehmen mit möglichst vielen Kunden (früher nannte man sie „Mitglieder“) umzubauen. Gefällt das Investoren? Klar. Bleiben dabei die Mitglieder und Fans auf der Strecke? Ganz sicher. Wird damit langfristig das Kernprodukt des Clubs zerstört? Da können wir Gift darauf nehmen.

Wer sich schon mal mit einem sehr, sehr scharfen Messer geschnitten hat kennt das Gefühl: Man weiß, dass etwas ganz und gar nicht stimmt, fühlt aber im ersten Moment gar keinen Schmerz. Dieser kommt dann umso heftiger etwas verzögert. Ähnlich ist es mittlerweile auch mit der Verbundenheit vieler Fans und Mitglieder zum VfB. Es stellt sich jetzt nur die Frage, wie tief dieser Schnitt geht und ob Heilung noch möglich ist.

Im Stadion wurde am Samstag „Der VfB sind wir“ skandiert und damit eigentlich auch das Motto für die nächsten Monate und Jahre vorgegeben. Der Verein braucht wieder eine starke Opposition quer durch alle Ebenen der Mitglieder. Es dürfen nicht nur „die Ultras“ oder „das schwierige Umfeld“ sein. Nein, es müssen alle Mitglieder erreicht und mitgenommen werden. Dazu gehört es, Inhalte sachlich aufzubereiten und zu transportieren. Konsens herzustellen, Lösungen und Alternativen zu bieten. Und Personen zu finden, hinter denen sich eine „Bewegung“ versammeln kann. Um gemeinsam den Verein einfach wieder besser zu machen. Schaffen wir das?

Bild via vfb-bilder.de / Fotograf: Markus

Noch ein kurzes Nachwort: Mir ist bewusst, dass ich viele Dinge beim VfB nur von außen betrachte, die internen Vorgänge nicht kenne und mir so Informationen fehlen. Informationen, die das Bild vielleicht ändern könnten. So bleibt mir also nichts Anderes möglich, als mir eine Meinung aus dem zu machen, was zugänglich ist. So ist das halt. Einem Dialog mit dem VfB stehe ich aber natürlich weiterhin vollkommen offen gegenüber. Dazu möchte ich noch ergänzen, dass meine Rücktrittsforderung nichts mit der aktuellen prekären sportlichen Situation zu tun hat. Wolfang Dietrich ist schlecht für den Verein und muss weg – unabhängig vom Tabellenplatz.

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