Schwierig und stolz darauf!

Das „schwierige Umfeld“ beim VfB ist legendär und könnte sogar fast als Marke eingetragen werden. Und auch wenn ich diesen Begriff auf mehreren Ebenen als höchst problematisch empfinde, ist dieser nun mal in der Welt und lohnt einen genaueren Blick.

Ein aktuelleres Beispiel für das „schwierige Umfeld“ ist die Verpflichtung von Ozan Kabat. War man inhaltlich überwiegend von diesem Transfer ganz angetan, so entzündete sich der Zorn des „schwierigen Umfelds“ an der Meldung, dass der FC Bayern München an dieser Personalie beteiligt wäre und, wie auch schon in der Vergangenheit geschehen, den Transfer zwar ermöglichte, sich aber auch spezielle Konditionen habe einräumen lassen. Binnen kürzester Zeit rollte eine Welle der Empörung durch v.a. die sozialen Medien und wurde vor allem der Sportvorstand Michael Reschke angegangen. Manchmal zurückhalten, im besten Fall pointiert, oft aber auch nur plump und durchaus beleidigend. Diese Meldung wurde dann im Rahmen der offiziellen Verkündigung der Verpflichtung scharf dementiert und schnell fiel auch die oben erwähnte Welle der Empörung wieder in sich zusammen und ließ den einen oder die andere vielleicht sogar etwas beschämt zurück. Ob man nun der Aussage von Reschke glauben schenken will (ich tue mich damit sehr, sehr, sehr schwer) muss jeder für sich entscheiden (in der Waiblinger Zeitung wurde dazu passend von Danny Galm ein sehr treffender Text zum Glaubwürdigkeitsproblem des Sportvorstandes veröffentlicht). Waren die Reaktionen in dieser Sache nun insgesamt oft „schwierig“? Ich denke „Ja“, auch wenn ein Teil dieses Vorgangs sicherlich ganz allgemein auf Mechanismen der sozialen Medien zurückzuführen ist. Und erschwerend hinzukommt, dass auch die Aussagen von Reschke zu Vertragsgestaltungen mit Vorsicht zu genießen sind …

Noch „schwieriger“ ist das Umfeld in allen Themen rund um die Ausgliederung. Der Vorgang an sich ist nun Geschichte, die Folgen sind aber weiterhin aktuell. So ist man nach dem Ankerinvestor weiter auf der Suche nach Investoren, ist dabei aber in Baden-Württemberg nicht fündig geworden und schaut sich jetzt international um. Regionale Partner waren aber im Zuge der Kampagne zur Ausliedgerung ein Aspekt, der manchen sicherlich ein besseres Gefühl beim „Ja“ zur Ausgliederung gegeben hat. Dass es der VfB trotz wirklich sehr großer Unternehmen in der erweiterten Region nicht geschafft hat einen weitern Partner zu finden ist die eine Sache. Jetzt von Seiten des Vereins aber stur darauf zu beharren, dass regionale Partner nie Thema gewesen wären ist einfach herablassend und auch unverschämt. Und wenn man sich anschaut, was mit den Millionen der Ausgliederung geschaffen wurde, dann ist der Ertrag nun mal minimal (da kann Wolfang Dietrich noch so oft von den „hervorragenden Rahmenbedingungen“ schwadronieren). Ist es „schwierig“, dass dies im Umfeld von vielen nicht einfach so hingenommen wird? Ganz klar „Nein“!

Wie definiert sich hier also „schwierig“ eigentlich? Als immer „dagegen“? Grundsätzlich negativ? Vollidioten? Den Rücktritt von Dietrich fordernd? Oder eher interessiert, involviert und zunehmend lautstark? Es wird nicht überraschen, dass für mich letzteres die zutreffende Definition ist.

Ein engagiertes Umfeld ist insgesamt gesehen ein lebenswichtiges Element für einen Verein und etwas, auf das der VfB eigentlich stolz sein sollte. Eine differenziertere Meinung bildet man sich doch nur, wenn man sich mit dem Verein emotional verbunden fühlt und es persönlich wichtig ist, was im Club passiert. Wenn man darüberhinaus dann sogar beginnt sich mit Details aus den unterschiedlichsten Themenfeldern zu beschäftigen, dann ist man damit doch eines der wertvollsten Dinge, die ein Club haben kann: ein emanzipiertes und mündiges Mitglied (oder natürlich auch einfach Fan). Die penetrante Mitgliederkampagne des VfB zeigt zwar deutlich, dass es dem Verein gerade nicht an solchen Mitgliedern liegt, aber das sollte eigentlich nur Ansporn sein (zumindest ist es das für mich).

Natürlich gibt es auch Menschen, die mehr oder weniger bedingungslos gut finden was beim VfB passiert und die den aktuellen Präsidenten für die beste Besetzung seit MV halten. Die mehrere Wochen nach dem Spiel auf einer Mitgliederversammlung noch in Jubelrufe bei den Bildern des 4:1-Sieges gegen die Bayern ausbrechen. Bei Abstimmungen gerne auf „Ja“ drücken. Es ist wichtig, sich das immer wieder vor Augen zu halten und von Zeit zu Zeit vielleicht auch zu versuchen, mal deren Perspektive einzunehmen. Denn, ob man es will oder nicht, auch diese Menschen sind selbstverständlich Teil des VfB. Und wie ich an anderer Stelle schon geschrieben habe, müssen auch solche Mitglieder mitgenommen werden, wenn sich beim VfB wieder etwas zum Besseren verändern soll.

Bin ich also nach meiner Definition „schwierig“? Unbedingt. Und auch noch stolz darauf? Absolut!

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