Leistungskultur (oder das Fehlen derselben)

Dem VfB Stuttgart fehlt es seit Jahren an einer tief im Verein verankerten Leistungskultur, die sich auf alle Entscheidungen und Bereiche auswirkt. Zumindest ist das mein Erklärungsansatz für den sportlichen Niedergang, den der VfB in den letzten Jahren erleben muss. Diese Zeilen sind ein Versuch der Annäherung, die aufgrund der Komplexität des Themas aber sicherlich nicht allumfassend oder gar abschließend ist.

Der Feind einer echten Leistungskultur scheint insbesondere in Cannstatt die tiefe Zufriedenheit schon mit kleinen und kleinsten Erfolgen zu sein. Eine Zufriedenheit, die sich teilweise nicht mal auf aktuellen Gegebenheiten sondern auch auf Leistungen aus der Vergangenheit beruhen kann. Wo man Pläne schmiedet und es später als ausreichend empfindet, wenn man wenigstens einen kleinen Teil derer erreichen konnte. Oder ein gutes Auftreten einer Mannschaft für zehn Minuten eines Spiels schon ausreichend ist, auch wenn man leider keine Punkte einfahren konnte. Wo man gerne von den hervorragenden Rahmenbedingungen erzählt, die in den letzten zwei Jahren geschaffen wurden – nur leider ohne Ergebnis auf dem Platz. Und im Zweifel wird dann gerne darauf verwiesen, dass es ja vor allem das (schwierige) Umfeld sei, dass allzu hochfliegenden Träumereien nachhängen würde (was ich von diesem Unsinn halte, habe ich hier schon beschrieben).

Natürlich wird jeder beim VfB widersprechend und darauf verweisen, dass man hart daran arbeite, die gesetzten Ziele zu erreichen. Und sicherlich ist dies in einzelnen Bereichen auch so, denn es gibt durchaus den ein oder anderen in den letzten Monaten erkennbaren Fortschritt (beispielhaft sei hier die „VfB Akademie“ genannt). Aber ist das insgesamt wirklich ausreichend oder gar nachhaltig?

„In Mainz musst Du nicht gewinnen“ ist sicherlich das Zitat, dass auch Captain Obvious zuallererst im Zusammenhang einer fehlenden Leistungskultur genannt hätte. Christian Gentner hat dies zu Beginn der aktuellen Saison gesagt, nachdem man auch schon im Pokal in der ersten Runde rausgeflogen war. Nun kann ich das schon inhaltlich nicht nachvollziehen, verstehe aber noch weniger die Geisteshaltung, die hinter einer solchen Aussage steckt. Ich gehe davon aus, dass man als (Leistungs-) Sportler doch eigentlich immer gewinnen will, oder? Egal ob es ein vermeintlich kleiner Aufsteiger oder ein international spielender Gegner ist. Die Realität wird einen da immer wieder einholen, aber man muss doch trotzdem jedes Spiel mit einer Mentalität des „Gewinnen-Wollens“ angehen. Und so lassen solche Aussagen auch tief in den Zustand einer Mannschaft blicken, die trotz größtenteils wechselnder Akteure über Jahre nicht wirklich nachhaltig aus der Abwärtsspirale rauskommt.

Ich habe oben von der Zufriedenheit mit kleinen Erfolgen geschrieben. Offensichtlich wird dies im sportlichen Bereich jede Woche insbesondere darin, dass man sich anhand einer nicht ganz so schlechten Halbzeit oder auch nur 10 Minuten selbst Mut zuspricht und darauf aufbauen will. Natürlich stecken dahinter auch viel Blabla für die Öffentlichkeit (als wären wir doof und würden uns davon beruhigen lassen), aber wenn man das immer wieder sagt, glaubt man dann nicht tatsächlich irgendwann selbst daran? Sickert so etwas nicht langsam in die Mannschaft ein und wirkt sich auf die gesamte Dynamik und damit letztendlich auch auf den Zusammenhalt in der Mannschaft aus? Man könnte bei Betrachtung (nicht nur) dieser Saison auf jeden Fall den Eindruck bekommen.

Die verschobene Mannschaftsdynamik zeigt sich auch darin, dass Kader und Startelf über die Jahre nicht konsequent nach dem Leistungsprinzip zusammen- und aufgestellt zu sein scheinen. Manche Spieler haben, egal bei welcher Leistung, eine Einsatzgarantie, andere kommen gar nicht zum Zuge. Gerne wird dann das Argument der Erfahrung („in solchen schwierigen Situationen“) herangezogen, ohne die man beim VfB ja gar nicht mehr weiterzukommen scheint. Nicht falsch verstehen: Selbstverständlich braucht eine Mannschaft ein stabiles Gerüst aus Spielern, die auch mit Erfahrung aufwarten können. Die abgezockt sind und Verständnis für die Erfordernisse eines Spieles mitbringen. Dinge, die manch jüngerem Spieler verständlicherweise häufig noch fehlen. Wie immer macht es hier die gute Mischung. Wenn aber die Leistung bei den sogenannten erfahreneren Spielern fehlt, dann darf es kein Tabu sein, auch hier mal einen Strich zu ziehen und die jeweiligen Personen auf die Bank oder gar die Tribüne zu setzen. Leider geschieht dies aber viel zu selten (Hannes Wolf hat es versucht, was meiner Vermutung nach dann aber der Anfang vom Ende für ihn in der Mannschaft war). Im Prinzip müsste das, was schon so oft ausgerufen wurde, einfach mal konsequent umgesetzt werden: Konkurrenzkampf auf jeder Position, bei der nur der wirklich Bessere spielt. Dann aber wird eine „Achse“ ausgerufen, deren benannte Spieler teilweise seit Monaten keine anständige Leistung mehr auf den Platz bringen, und – zack! – ist eine leise Hoffnung auf Besserung schon wieder „stark gefährdet“. Immerhin wurde beim Spiel in München ein Schritt in diese Richtung gemacht.

Alexander Bonengel hat für Sky kürzlich geschrieben, dass beim VfB nicht erkennbar sei, für welche Philosophie der Verein denn stehen würde. Dies könne man weder aus der Zusammenstellung noch aus dem Spielgeschehen auf dem Platz geschlossen werden. Damit hat er absolut recht und beschreibt so die Auswirkungen einer Fehlerkette, die den VfB nun spätestens seit der Entlassung von Hannes Wolf (in Wahrheit aber schon viel länger) durch die Ligen taumeln lässt. Solange aber an der Spitze Personen stehen, die (zumindest in meiner Wahrnehmung) vor allem auf die Mehrung und Erhaltung ihrer Macht hinarbeiten bzw. in manchen Aspekten nicht für die Aufgabe geeignet sind (zum Beispiel fehlender sportlicher Sachverstand in den Gremien), wird sich nichts ändern.

Leider.

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