Die Prüfung

Ein ganzer Korridor ist abgesperrt, die Fünftklässler sollen Ruhe geben und sogar die Pausenklingel ist abgeschaltet. Es ist Abitur. Mathe.

Du hast dich zwar vorbereitet, so richtig gut ist es allerdings nicht gelaufen. Schon die letzten Jahren gehörte Mathematik nicht unbedingt zu deinen Stärken, es gab Höhen und Tiefen (wenn man ehrlich ist: mehr Tiefen). Oft warst du bemüht, aber das ein oder andere Mal auch unmotiviert und vielleicht sogar faul. Und nun sitzt du da, wartest auf die Aufgaben und verspürst den Druck, der auf dir lastet. Den Druck, den du dir selber machst, schließlich willst Du ein anständiges Abitur und die ganzen Jahre der Schule einigermaßen gut zu Ende bringen. Aber auch den Druck, der von den Anderen (Eltern, Lehrer) kommt. Wenn man ehrlich ist, sitzt du nun mit schlechtem Gewissen im Klassenraum, den du weißt ganz genau, dass du nicht das Optimum rausgeholt hast. Zwar war der Wechsel auf einen neuen Nachhilfelehrer kurz vor den Prüfungen ganz gut, aber das rettet eben auch nicht Alles.

Mit dem Startsignal öffnest du den Umschlag mit den Aufgaben und überfliegst das, was in den nächsten Stunden zu tun ist. Schnell wird dir klar, dass es schwer werden wird. Richtig schwer. Große Sprünge sind nicht zu erwarten, dazu fehlt dann doch zu viel. Aber du siehst auch, dass ein paar Aufgaben dabei sind, die du eigentlich schaffen solltest. Und wenn du dich anstrengst werden es vielleicht sogar noch fünf Punkte. Das absolute Minimalziel, denn durch das Abi fliegen will ja niemand. Erleichterung durchströmt dich und du greifst nach dem Strohhalm, der sich dir bietet. Egal was die anderen sagen, diese paar Aufgaben sind nun das, worauf du dich komplett fokussierst. Alles andere wird ausgeblendet. Und wenn du dieses Ziel erreichst, wirst du erleichtert und froh sein. Dich also etwas wie ein Pokalsieger (Sieger!) fühlen. Wohl wissend aber auch, dass es so nicht weitergehen kann und du dringend verschiedene Dinge ganz fundamental ändern musst.


Ein paar Kilometer weiter schauen zeitgleich die Eltern auf die Uhr und denken an ihren Schützling. Wissen ganz genau, vor welcher Aufgabe er jetzt steht und wie schwer das ist. Immerhin haben sie ihm jetzt über Jahre dabei zusehen müssen, wie es in Mathe schrittweise immer weiter bergab gegangen ist. Unzählige Lehrer haben sich an ihm die Zähne ausgebissen und jedem kleinen Zwischenhoch folgte ein Absturz. Und auch wenn sie ihn natürlich immer unterstützen werden, so hat sich bei den Eltern doch auch eine gewisse Resignation breit gemacht. Resignation, die ihre Ursache in den schlechten Leistungen hat, aber auch in Auseinandersetzungen mit der Schule begründet liegen. Die Schulrektoren haben während dieser Zeit gewechselt, noch häufiger war es sogar die für die Fachschaft zuständige Person. Mit jedem Wechsel wurden zwar vollmundige Versprechungen gemacht, aber letztendlich doch immer wieder eine anderen Linie verfolgt und andere Schwerpunkte und Konzepte gewählt. In der Konsequenz führte das dann dazu, dass der Sohn irgendwann hat abreißen und sich im Momentum des Augenblicks treiben lassen. Ohne Ziel und Leitplanken, Hauptsache er brachte die nächste Mathe-Stunde einigermaßen hinter sich.

Und so wissen die Eltern, dass er im Abi nicht viel holen wird und selbst bei Bestehen auch in Zukunft wird kämpfen müssen. Um gute Ergebnisse (er würde gerne studieren, zu den Besten gehören, hat er gesagt) und darum, für sich persönlich die Kurve zu kriegen und die gesteckten Ziele tatsächlich zu erreichen. Sie wissen aber auch, dass ihr Einfluss als Eltern mittlerweile nur noch begrenzt ist und andere Faktoren des Umfeldes eine größere Rolle spielen. Sie manchmal tatsächlich nur noch dafür da sind Geld zu geben und ihn moralisch zu unterstützen. In schlechten Momenten auch mal ein „Vollidioten“ oder „Krakeeler“ über sich ergehen lassen zu müssen, in guten Momenten aber als willkommene Basis dienen zu dürfen. So ist das halt sagen sie sich, das geht anderen auch so. Und natürlich werden sie ihren Sohn immer lieben und unterstützen. Auch wenn es manchmal wirklich, wirklich schwer ist …


Ähnlichkeiten mit der Situation und der Gemütslage des Vereins für Bewegungsspiele aus Bad Cannstatt und dessen Fans sind gewollt.

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