Demütigung

Nun ist der VfB also wenig überraschend nach 2016 erneut abgestiegen und bestreitet seine Spiele in der kommenden Saison in der 2. Bundesliga. Verdient haben sich die Schwaben dies mit der schlechtesten Saison aller Zeiten und zwei letztendlich harmlosen Auftritten in der Relegation. Und so stehen wir erneut vor dem Scherbenhaufen des Scheiterns beim VfB.

Gründe für den Abstieg gibt es sicherlich viele, einer der Hauptgründe ist meiner Meinung nach aber die fehlende Demut in vielen Bereichen und Ebenen des Vereins und der AG. Eine Demut, die als Korrektiv dienen kann und davor schützt, die eigene Hybris zur Grundlage für Entscheidungen zu machen (siehe den mittlerweile schon im negativen Sinne legendären Tweet unten). Leider hat der VfB nun in der abgelaufenen Spielzeit (und auch in den Monaten davor) eindrucksvoll bewiesen, was die Konsequenzen aus diesem fundamentalen Defizit sind. Und so muss nun erneut Vieles in Frage gestellt werden: Personen, Strukturen und Konzepte.

Zuvorderst steht hier natürlich der Präsident und Aufsichtsratsvorsitzende Wolfgang Dietrich im Rampenlicht. Er ist qua seines Amtes aber auch nach dem immer wieder zur Schau gestellten Selbstverständnis als oberster Chef des VfB hauptverantwortlich für den neuerlichen Niedergagen des Clubs mit dem Brustring. Unter seiner Führung wurden reihenweise Fehlentscheidungen getroffen (seinen Einlassungen nach immer einstimmig), die dem VfB nun nachhaltig geschadet haben und auch weiterhin schaden. Die Verpflichtung von Michael Reschke mit all ihren Folgeerscheinungen ist hier sicherlich ein unrühmlicher Tiefpunkt, aber auch Grundsatzentscheidungen in der Ausrichtung des Clubs sind für mich fatal falsch getroffen worden. Der Umbau des VfB in ein zunehmend seelenloses Unternehmen, bei dem es offensichtlich erst mal auf die Erreichung wirtschaftlicher Hauptkennzahlen (KPI) ankommt und diese Ziele mit allen Mitteln erreicht werden sollen, gefährdet den Verein in seinen Grundfesten. Die wichtigsten Kennzahlen (Punkte und Tore zum Beispiel) scheint man da aber vergessen zu haben.

Vermutlich ist es aber eh so, dass Dietrich nur eine Marionette des Daimler-Konzerns ist, die willfährig nach dessen Melodie tanzt. Das ausführt, was sich jemand dort ausgedacht hat, und zwar gegen alle Widerstände. Wenn wir ehrlich sind, dann dürfen wir uns beim VfB eigentlich gar nicht über Wolfsburg, Leverkusen oder Leipzig aufregen. Auch die Stuttgarter sind fest in der Hand eines Unternehmens, dass über Wohl und Wehe des Clubs entscheidet. Nur ist das vielleicht auf dem Papier und eventuell auch in der allgemeinen Wahrnehmung nicht ganz so offensichtlich wie bei den anderen genannten Beispielen. Dass man auch beim Daimler keinerlei Demut kennt, hat die Episode zwischen Porth und Buchwald gezeigt. Wenn der für das Personal zuständige Vorstand eines Weltkonzerns dermaßen aus der Fassung gerät, dann spricht das Bände nicht nur für den Verein sondern eben auch für das Unternehmen.

Auch andere Gremien des Vereins sind in ihrer Tätigkeit zu hinterfragen. Was macht eigentlich der Aufsichtsrat? Die Beaufsichtigung war ja wohl offensichtlich auch nicht gerade so erfolgreich, oder? Die oben genannte schier unendliche Reihe von Fehlentscheidungen und die Möglichkeit dies weiterhin treffen zu können spricht nicht dafür, dass hier wirklich eine Aufsicht ausgeübt wurde. Oder aber natürlich ist es Indiz dafür, dass auch der Aufsichtsrat ohne wirkliche Befugnis und nur Erfüllungsgehilfe Dietrichs bzw. Daimlers ist. Man weiß es nicht – oder doch?

Über Michael Reschke noch viele Worte zu verlieren ist eigentlich müßig, da er den Verein ja mittlerweile sogar auf der Payroll verlassen hat. Zu sehen, wie die Selbstherrlichkeit Herrn Reschkes am Ende aber einen großen Anteil am Abstieg des VfB hat ist trotzdem immer noch dazu angetan, den Blutdruck in ungesunde Höhen zu treiben. Fachliches Versagen vereinte sich hier mit einem Auftreten, dass jeder Beschreibung spottet. Danke für Nichts Herr Reschke! Selbiges gilt übrigens auch für Weinzierl und Korkut.

Ganz persönlich geht mir mittlerweile auch ALLES rund um das Marketing beim VfB komplett auf den Nerv. Weiterhin kein Gefühl für die Erfordernisse des Moments (was soll so ein seelenloser Tweet nach dem Abstieg, der Solidarität von den Fans einfordert?) und einfach schlechte Aktionen und Kampagnen. Ja, ich war im Film zur #wirsindstuttgart-Kampagne zu sehen, aus heutiger Sicht schäme ich mich aber schon fast dafür. Weil diese Kampagne ein schlecht gemachtes Plagiat ist und für mich genau das Gegenteil der ursprünglichen Intention erreicht hat. Und so muss nach allen den Jahren seines Handelns meiner Meinung nach auch Jochen Röttgermann in Frage gestellt werden. Es langt nicht, sich mit der Verlängerung des Trikot-Sponsors (einer Tochter des so heißgeliebten Ankerinvestors), dem Verkauf von Merchandise (das Ur-Trikot war auch eine krasse Fehlplanung, oder?) oder dem Verkauf von Logen und Business-Seats zu brüsten. Nein, über das Marketing muss ein Verein auch in seinen Grundwerten positioniert und ein stimmiges Bild vermittelt werden. Beides ist mitnichten der Fall. Dem VfB hätte es in vielen Situationen in dieser Saison zum Beispiel gut zu Gesicht gestanden, auch nach Außen hin Demut zu zeigen. Was spricht zum Beispiel dagegen offen Fehler einzugestehen oder auf Augenhöhe mit den Fans zu kommunizieren? Lieber wird einem im persönlichen Gespräch von Vereinsseite vorgeworfen, dass man dem Verein schade … (habt Ihr mal geschaut, was IHR dem VfB an Schaden zufügt??).

Selbstverständlich dürfen auch die Spieler (mir fällt es schwer hier von einer Mannschaft zu sprechen) nicht Außen vor bleiben. Dieser Themenkomplex ist so groß, dass man locker mehrere Artikel darüber schreiben könnte (und müsste), deswegen will ich mich an dieser Stelle eher kurz fassen. Es bleibt nach so einer Saison aber festzustellen, dass man den Charakter jedes Einzelnen hinterfragen muss. Wie kann es sein, dass man hier eine Ansammlung von individuellem Talent hat (teilweise zumindest), die Herren Profis (ja ihr macht das beruflich und bekommt einen Haufen Geld dafür) aber nicht in der Lage sind, eigenen Befindlichkeiten zum Wohle der Mannschaft und des Vereins hintenanzustellen. Ich denke mal, dass es fundamentaler Teil eurer Stellenbeschreibung ist, als MANNSCHAFT Fußballspiele möglichst erfolgreich zu bestreiten. Das hat offensichtlich nicht geklappt, allerdings war es ja auch wie immer ein Leichtes, sich hinter einem der drei Trainer (obwohl ich hier Nico Willig ausdrücklich ausnehmen will!) zu verstecken. Dass die Spieler über eine komplette Saison nicht eingespielt sind (Laufwege!) und jeweils ihre Potential nicht konstant abrufen können, ist ein Armutszeugnis. Nach dem Abstieg wird sich das Gesicht der Mannschaft mal wieder deutlich verändern. Ich sage „GUT SO!“, denn das aktuelle Gebilde hat seine Chance vertan und verdient so keine neue.

Ich habe mich im Verlauf der Saison das ein oder andere Mal geschämt, die Farben und das Logo meines Vereins zu tragen (nicht zuletzt gestern Abend nach dem Spiel in Berlin). Ich bin jetzt aber zum Entschluss gekommen, dass ich dies GERADE WEGEN aller oben beschriebenen Umstände weiterhin mit Stolz tuen werde. Wir Fans und Mitglieder sind der VfB. Und das mehr als viele, die den Club offiziell repräsentieren. Denn wir haben Demut gelernt (lernen müssen), ihr eben nicht. Und trotzdem fahren wir an einem Montag Abend nach Berlin um den VfB zu unterstützen:

Und genau dies ist meiner Meinung nach eines der wichtigsten Themen, die der Verein nun angehen muss. Der VfB braucht einen fundamentalen Wandel in Kultur, Denken und Handeln. Ich schätze Thomas Hitzlsperger bisher so ein, dass er für diesen neuen Weg stehen kann, weil er meinem Eindruck nach das richtige Wertesystems gepaart mit einer realistischen Sicht der Dinge mitbringt. Demut heißt ja nicht, sich vor allen in den Staub zu werfen, Demut kann durchaus mit Selbstbewusstsein einhergehen. Dieses Selbstbewusstsein muss man sich aber ehrlich (und hart) erarbeiten und wenn man das erreicht hat, steht einem eine gewisse Demut umso besser zu Gesicht. Ich vertraue hier auf Dich Thomas!

Alexander Bonengel von Sky hat auch einen sehr guten Text geschrieben, der in eine ähnliche Richtung geht. Auch der Vertikalpass hat schon einen Text online.


Disclaimer: Daniel und ich wollten die Fahrt nach und von Berlin dafür nutzen, eine Gespräch für eine neue Folge der „Nachspielzeit“ aufzunehmen. In Teilen haben wir dies getan, haben uns aber entschieden, die Gedanken erst mal in den hier vorliegenden Text zu überführen. Daniel findet sich so aber auch in diesem Blog-Eintrag mit einigen seiner Ansätze wieder.

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