Die Qual der Wahl? Nicht wirklich!

Am 14. Juli ist also mal wieder eine Mitgliederversammlung des VfB Stuttgart e.V. in der Mercedes-Benz-Arena. Wahrscheinlich weckt nicht nur bei mir dieser Ort Erinnerungen an die unwürdige Veranstaltung der außerordentlichen Mitgliederversammlung zur Ausgliederung, in der damals ein Großteil des Publikums in bester Partylaune johlend und pfeifend insbesondere die Beiträge während der Aussprache begleitet haben.

Auch die anstehende MV birgt einiges an Konflikt-, zumindest aber Diskussionspotential, die Stimmung wird mal wieder aufgeheizt sein. Ich möchte in diesem Text darauf eingehen, wie ich jeweils bei den einzelnen TOP abstimmen werde und dies auch begründen. Die aktuelle, erweiterte Fassung der Tagesordnung findet man hier.

(Anmerkung: Wenn ich im Folgenden von „Verein“ schreibe, dann sind sowohl Verein als auch AG gemeint. Sollte dies nicht so sein, dann werde ich dies explizit erwähnen)

Antrag auf Abwahl des Präsidenten

Selbstverständlich werde ich hier für die Abwahl des Präsidenten stimmen, auch wenn ich ein paar Probleme mit diesem Antrag habe.

Wolfgang Dietrich ist als Präsident (und Aufsichtsratsvorsitzender) des VfB für mich schon länger inhaltlich aber auch von seiner Persönlichkeit her nicht mehr tragbar. Lennart hat bei „Rund um den Brustring“ einen hervorragenden, lesenswerten Text zu Wolfgang Dietrich geschrieben, der sehr viele gute Fakten und Argumente enthält, die ich nur voll unterschreiben kann (und diese daher hier nicht nochmal aufführen werde).

Unter der Führung Dietrichs ist der VfB nicht nur sportlich abgerutscht, nein der ganze Verein mit zugehöriger AG ist arrogant und überheblich geworden. In einem früheren Text hatte ich davon gesprochen, dass es dem VfB an Demut fehlt, „die als Korrektiv dienen kann und davor schützt, die eigene Hybris zur Grundlage für Entscheidungen zu machen“. Das ist immer noch meine tiefste Überzeugung, die sich über die letzten Tage und Wochen nochmal verfestigt hat. Dazu ist der VfB auch ein Verein, in dem man es mit der Wahrheit wohl nicht mehr so genau nimmt (Stichwort „Wahrheitsbeugungen“) und Tatsachen gerne auch mal so verdreht darstellt, dass sie ins eigene Narrativ passen (bestes Beispiel ist hier die Causa „Quattrex“, wo von Anfang an mit den Informationen nur spärlich nach außen gegangen wurde und auch die zeitlichen Abläufe mindestens fragwürdig sind, aber alles ja „schon längst bekannt“ sei).

Und sollte ich noch ein Mal von diesen „hervorragenden Rahmenbedingungen“ hören, die unter Dietrich geschaffen wurden, dann raste ich aus. Wir sind wieder abgestiegen, das verschlechtert die Rahmenbedingungen und kostet Geld! Viel, viel Geld! Und das auch dauerhaft, weil die TV-Gelder nach einem 5-Jahres-Schlüssel verteilt werden und dort nun erst mal zwei Abstiege zu Buche stehen. Von der Außendarstellung und Kommunikation will ich gar nicht anfangen, sonst wird der Text doppelt so lang …

Alles in allem ist dies nicht die Art von Verein, wie ich mir den VfB vorstelle. Den größten Sportverein Baden-Württembergs mit entsprechendem Gewicht und gesellschaftlichem Auftrag.

Eher muss man sich für Vieles mittlerweile schämen und das ist in seiner Führungsverantwortung auf Wolfgang Dietrich zurückzuführen. Zugegeben: nicht auf ihn alleine, aber z.B. die Herren Röttgermann und Heim stehen ja nicht zur Abwahl, weil sie ja in der AG angestellt sind, auf die wir Mitglieder des VfB Stuttgart e.V. ja keinerlei Durchgriff mehr haben (auch wenn dies damals im Zuge der Ausgliederung ganz anders dargestellt wurde). In den allermeisten Unternehmen der freien Wirtschaft, wären nach so einer Underperformance schon lange personelle Konsequenzen gezogen worden, die über das hinausgehen, was beim VfB für notwendig erachtet wurde und wird.

Ich werde also gegen Wolfgang Dietrich, aber FÜR den VfB stimmen!

Ich habe zu Beginn geschrieben, dass ich auch meine Probleme mit diesen Anträgen haben. Hier will ich noch kurz ausführen warum:

  1. Es ist doch recht unwahrscheinlich, dass der notwendige Stimmenanteil von 75% für die Abwahl erreicht wird (ich lasse mich aber natürlich gerne positiv überraschen). Somit werden der VfB und Wolfgang Dietrich persönlich für das kommende Jahr genug Munition haben, um immer wieder gegen Kritiker und Gegner zu schießen. Es wird heißen, dass man durch das Wahlergebnis ja legitimiert sei und endlich Ruhe einzukehren habe, da man sonst ja auch noch negativen Einfluss auf die Mannschaft nehmen würde. Das ist natürlich hanebüchen, wird aber die Stimmung zwischen Verein und Umfeld noch weiter strapazieren und verschlechtern. Und ich will gar nicht daran denken, sollte sich WD im kommenden Jahr zu einer Wiederwahl stellen …
  2. Um eine wirkliche Veränderung zu erreichen, muss sich eine organisierte Opposition bilden, die sowohl in Kommunikation als auch Auftreten professionalisiert ist und in letzter Konsequenz auch eigene (personelle) Alternativen aufzeigen kann. An diesem Punkt sind wir noch nicht, das muss aber das Ziel für die Wahl 2020 sein.

Trotz dieser beiden Punkte ist es aber natürlich sehr gut, dass durch diese Anträge zumindest die Diskussion auch wieder in den (überregional) öffentlichen Fokus gerückt ist. Das verhindert ein zerknirschtes „Weiter so!“ von Seiten des Vereins, in dem man in den Sonntagsreden ein paar kleinere Fehler eingesteht (und man nochmal deutlich macht, wie schwer der Abstieg alle getroffen hat!!) ansonsten aber einfach weitermacht.

Abstimmung über Einzel- oder Gesamtentlastung

Dieser Antrag wurde meines Wissens nach aus der Motivation heraus gestellt, insbesondere Wolfgang Dietrich nicht weiter (!) die Gelegenheit zu geben, sich hinter einem möglicherweise guten Ergebnis bei der Wahl zu verstecken. Einem Ergebnis, dass alleine schon deswegen gut ausfallen sollte, weil für den fraglichen Zeitraum auch Thomas Hitzlsperger entlastet wird, der (verdientermaßen) über deutlich höhere Sympathiewerte verfügt als der Präsident.

Es wurde in den letzten Tagen immer wieder betont, dass man die Arbeit im Präsidium im Team angeht und deswegen auch über eine Gesamtentlastung entlastet werden möchte. Das mag ja in der täglichen Arbeit so sein, Wolfgang Dietrich ragt aber deswegen schon heraus, da er vom Verein auch als Vorsitzender in den Aufsichtsrat entsandt wurde. Und diese Arbeit muss – auch wenn sie in der AG, die immer noch zur Mehrheit dem e.V. gehört stattfindet – mit bewertet werden.

Dass der Aufsichtsrat in der vergangen Saison in seiner Funktion und Aufgabe versagt hat, ist nicht nur meine Meinung, sondern hat man auch schon aus dem Gremium selbst heraus gehört. Rein formal wird sich die Aufgabe des AR wahrscheinlich meist auf die Freigabe von Geldern beschränken, gerade damit lassen sich aber Dinge auch hervorragend steuern … wenn man denn versteht, was im Vorstand vor sich geht, was insbesondere im sportlichen Bereich wohl ganz eindeutig nicht der Fall war (und ist?). Und wer trägt am Ende qua Amt die Gesamtverantwortung für dieses Gremium? Genau, die Person, die gleichzeitig Präsident des e.V. ist. Ergo: Arbeit nicht zum Wohle des e.V. gemacht, daher keine Entlastung.

Somit kann es aus meiner Sicht keine andere Wahl als die für eine Einzelentlastung geben.

Abstimmung über die Entlastung

Ich mach’s kurz: Gaiser und Hitzelsperger „Ja“, Dietrich „Nein“.

Die Wahl bei Dietrich ist oben begründet, die anderen beiden Präsidiumsmitglieder haben ihre Aufgabe meiner Wahrnehmung nach ordentlich wahrgenommen.

Sollte es nicht zu einer Einzelentlastung kommen, werde ich nicht für eine Gesamtentlastung stimmen. Das mag dann unfair gegenüber Hitzelsperger und Gaiser sein, hier wiegen aber die Fehler Dietrichs schwerer.

Entlastung des Vereinsbeirats für das Jahr 2018

Hier fällt es mir tatsächlich sehr schwer mich zu entscheiden, ich bin daher noch nicht sicher, wie ich wählen werde.

Auf der einen Seite stehen gute Gespräche mit Mitgliedern des Vereinsbeirates, die durchaus auch etwas kritischer sind, als man von den öffentlichen Wortmeldung schließen kann. Die Aufnahme, die wir für die Nachspielzeit mit dem Vereinsbeirat gemacht haben, war angenehm und in der Abwicklung freundlich und konstruktiv.

Auf der anderen Seite ist der Vereinsbeirat ganz offensichtlich zumindest jetzt in der heißen Phase vor der MV auch nur ein weiteres Sprachrohr des Präsidenten (siehe z.B. das vor Phrasen nur so überfrachtete Interview in der Dunkelrot mit Wolf-Dietrich Erhard und Claudia Maintok) und streng auf Vereinslinie. Dafür, dass dieses Gremium zur Stärkung der Rechte aller Mitglieder eingeführt wurde, ist das ganz schön schwach.

Die nächsten Tage bis zur MV werden zeigen, wie ich mich entscheide.

Nachwahl eines Mitglieds für das Präsidium

Hier haben wir erfreulicherweise tatsächlich die Wahl zwischen zwei Kandidaten.

Rainer Mutschler war schon in der Vergangenheit beim VfB tätig, hat dort zunächst das Marketing verantwortet und wurde dann zum Projektleiter für die Veranstaltungen zur Ausgliederung (Regionalversammlungen und Zukunftswerkstatt). Damals hatte ich einen ganz passablen Eindruck von ihm, wusste da aber tatsächlich nichts über die bis heute nicht vollständig geklärten Vorgänge beim DSV und natürlich auch nicht, dass er nach seinem Abschied vom VfB seit dem 1.7.2019 wieder im NLZ in leitender Funktion angestellt ist. Er ist also schon wieder im Verein untergekommen, braucht also nicht noch einen Posten.

Daher wird meine Wahl dann auf Werner Gass fallen. Von ihm weiß ich zwar nur, was man bisher über die Kanäle des VfB lesen und sehen konnte, ich traue ihm aber zu, die Aufgaben im Präsidium zum Wohle der Abteilungen außerhalb des Fußballs entsprechend kompetent wahrzunehmen. Und mit über 1.000 Spielen für den VfB bringt er genug „Stallgeruch“ mit (ist ja soooo wichtig bei einem Traditionsverein).

Ganz allgemein muss ich zu diesem Punkt aber auch sagen, dass ich mich kaum in der Lage sehe, eine wirklich informierte Wahl zu treffen. Zwei kurze Videos und jeweils ein Steckbrief mit fast gleichlautendem Inhalt sind bisher das Einzige, was wir Mitglieder an die Hand bekommen haben. Es ist zwar noch ein „VfB im Dialog“ geplant, der aber nur mit vorab gestellten Fragen auskommen muss und daher wenig Erkenntnisgewinn verspricht (zumal ein Großteil sicherlich sowieso darauf verwendet werden wird, den Präsidenten in glänzendem Licht dastehen zu lassen).

Schlusswort

Der VfB steht an einem Scheideweg: Die Spaltung der Mitglieder ist real und wird sich auch in den Wahlergebnissen zeigen. Die Gräben werden immer tiefer, das Niveau der Auseinandersetzung sinkt. Sicherlich sind alle Beteiligten dazu aufgerufen, hier wieder in einen sachlichen Diskurs zurückzukehren. Dies muss aber auch wirklich gewollt und persönlich möglich sein. Beides spreche ich Wolfgang Dietrich ab, er hat es in seiner ganzen Amtszeit nicht einmal gezeigt. Deswegen:

Ja zum VfB, Nein zu Wolfgang Dietrich!

Abschließend möchte ich sagen, dass dies alles meine persönliche Meinung ist, jeder aber natürlich davon abweichend anderer Auffassung sein kann. Wer mag, kann diesen Text als Wahlempfehlung sehen, muss es aber nicht. Und wer noch mit mir darüber diskutieren will: gern, solange es sachlich und konstruktiv bleibt.

Werbeanzeigen