Die Sehnsucht nach einem Neuanfang

Die ordentliche Mitgliederversammlung des VfB ist schon ein paar Wochen her und genau so lange ist Wolfgang Dietrich nicht mehr Präsident des Clubs aus Bad Cannstatt. Und wenn man ehrlich ist, verblasst die Erinnerung an ihn sogar schon ein bisschen, zu wenig bleibt von seiner Amtszeit übrig (außer den tollen Rahmenbedingungen natürlich).

In dieser Phase des Übergangs, der, trotz mancher Prognose vor der MV, ganz ohne nach außen hin sichtbares Chaos abläuft, erwächst nun bei vielen erneut die Sehnsucht nach einem wirklichen Neuanfang.

Im sportlichen Bereich wurde ein Teil dieser Sehnsucht bereits eingelöst, auch wenn der Ausgang natürlich Stand jetzt noch vollkommen ungewiss ist. Es wurden Veränderungen bei den handelnden Personen vorgenommen (auch bis in das NLZ bzw. die Jugend hinein) und bei den Profis wurde ein großer Teil des Kaders ausgetauscht. Tim Walter bringt einen komplett neuen Spielstil an die Mercedesstraße, der uns Fans auch das wieder zurückgeben soll, was wir (und auch die Mannschaft) schon fast vergessen haben: Den Spaß am Fußball. Und dazu natürlich den direkten Wiederaufstieg!

Ob die neuen Personen und Konzepte greifen, werden wir erst in den nächsten Monaten und vielleicht sogar Jahren sehen. Dennoch wächst gerade ein zartes Pflänzchen namens „Hoffnung“ in Stuttgart heran.

So wichtig der Tabellenplatz des VfB aber auch sein mag, er ist in der aktuellen Situation tatsächlich nur ein Teil der Wahrheit, die Sehnsucht geht viel weiter. Hin zu einem authentischen, modernen Verein, der eine Haltung hat und Haltung zeigt, auf Augenhöhe transparent mit den Menschen kommuniziert und sie mitnimmt, der wirtschaftlich gesund ist ohne sich zu verkaufen. Der für den Sport eine Philosophie entwickelt, die unabhängig von Personen ist, aber trotzdem flexibel bleibt, um der Weiterentwicklung des Fußballs Rechnung zu tragen. Der nun nicht nur die Oberfläche etwas poliert, sondern ganz tief in der Club-DNA in allem besser werden will.

Leider ist der VfB aber davon noch soweit entfernt wie vom Gewinn der nächsten Meisterschaft in der 1. Bundesliga. Derzeit befindet sich der VfB in einem Zwischenstadium, in der er sehr viel richtig aber fast noch mehr falsch und kaputt machen kann. Vor allem sind sowohl im e.V. als auch in der AG Stellen zu besetzen, die durch das Ausscheiden der vorherigen Amtsinhaber vakant sind oder neu geschaffen bzw. endlich besetzt werden. Personalien, die entscheidend für den weiteren Weg des VfB sein werden!

Nun sind Verein und AG keine Partei, in der sich alle möglichen Kandidaten bewerben können und man dann per Urabstimmung wählt, wer ein Amt inne haben soll; hier sind andere Abläufe vorgesehen. Dennoch würde ich es persönlich sehr spannend finden, wenn man einen Weg findet, der schon jetzt im gesamten Prozess zumindest etwas „basisdemokratisch“ ist. Da könnte also zum Beispiel heißen, dass alle Kandidaten schon in der Bewerbungsphase nicht nur bekannt sind, sondern auch eine Art „Vorwahlkampf“ machen. Wo sie ihre Themen setzen, in die Diskussion mit den unterschiedlichsten Gruppierungen gehen und aufzeigen, was sie konkret im Amt des Präsidenten angehen und erreichen wollen. Einfach transparent sind und schon von Beginn an viele Mitglieder abholen. So würden wir alle auch ein viel besseres Verständnis dafür entwickeln können, was dann letztendlich vom Verein wie bewertet wird und welche Profile sich am Ende durchsetzen (denn die Auswahl der beiden Kandidierenden obliegt selbstverständlich dem Vereinsbeirat).

Weil wir unseren VfB aber leider kennen, lässt sich auch ein Gegenszenario entwerfen. Die Kandidaten melden sich öffentlich oder auch nicht und verschwinden dann erst mal in der Versenkung. Vielleicht, weil der VfB komplett die Kontrolle über den Prozess haben will, vielleicht will er sich aber auch nicht unter Druck setzen lassen und am Ende Diskussionen vermeiden, warum es dann dieser oder jener Kandidat nicht geworden ist. Aus Sicht der Mitglieder könnte das natürlich dazu führen, dass sie viele interessante Kandidaten und/oder deren Ansätze erst gar nicht zu Gesicht bekommen und sich letztendlich wieder mit dem begnügen müssen, was ihnen vorgesetzt wird. Und das hätte aus leidvoller Erfahrung dann doch wieder ein ungutes „Gschmäckle“ …

Noch ein paar Worte zur Besetzung des Amtes des Vorstandsvorsitzenden. Grundsätzlich würde ich ja davon ausgehen, dass die Auswahl der geeigneten Person solange ruht, bis das höchste Amt im Verein (der ja weiterhin auch Mehrheitseigner der AG ist) wieder besetzt ist. Schließlich ist es der Präsident und ggf. Aufsichtsratsvorsitzende, der hier die Richtlinienkompetenz beim VfB hat. Wenn man nun einen VV sucht (über dessen Anforderungsprofil und Auswahlprozess übrigens bemerkenswerter Weise wenig bis gar nichts bekannt ist) und die Stelle vor der Wahl zum Präsidenten besetzt, dann zäumt man das Pferd von hinten auf. Und setzt sich dann natürlich wieder dem Verdacht aus, dass die gerade (zurecht) schwankenden „Eliten“ beim VfB versuchen, sich an ihre Macht zu klammern und die Schäfchen ins Trockene zu bringen. Zumal es ja auch so ist, dass gerade Ämter interimistisch besetzt sind, hier also die Entscheidung bei den Personen liegen sollte, die dann auch durch eine Wahl der Mitglieder für das Amt dauerhafter legitimiert sind.

Dies mag alles rein hypothetisch sein, sollte es aber in diese Richtung gehen, müssen wir Mitglieder dem mit aller Macht entgegenstehen!

Die Sehnsucht nach einem wirklich Neuanfang beim VfB ist, zumindest bei mir, sehr groß. Ich bin mittlerweile aber davon überzeugt, dass sich der VfB nur zu einem wie oben geschilderten Verein entwicklen kann, wenn konsequent alte Zöpfe angeschnitten werden. Personen, die schon seit Jahren die Fäden ziehen, müssen endgültig aus der aktiven Rolle ausscheiden und es müssen Menschen her, die bei unserem Club wirklich etwas zum Wohle des VfB bewegen wollen – und nicht zur ihrem eigenen. Die nächsten Wochen werden zeigen, in welche Richtung es geht: In eine Zukunft mit dem Potential für Großes oder weiter in den sich selbst erhaltenden Apparat alter Seilschaften.

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