Turbulenzen

Der Herbst, der Herbst, der Herbst ist da
Er bringt uns Wind, hei hussassa!

Dieser Wind ist nicht nur gut um Drachen steigen zu lassen, sondern erzeugt beim VfB schon traditionell im Herbst einige Turbulenzen. Und auch dieses Jahr bildet dabei keine Ausnahme. Höchste Zeit also, nach längerer Blog-Pause mal wieder den Blick auf ein paar Themen zu werfen.

Steife Brise

Fangen wir kurz mit dem Sportlichen an. Aktuell steht der VfB nach 11 Spielen auf Platz 3 der Tabelle und hat zwei Punkte Rückstand auf den zweiten Platz. Bedenkt man, dass noch ca. zwei Drittel der Saison vor uns liegen, ist also noch alles im Soll. Dennoch gärt es wieder rund um die Mannschaft.

Ich persönlich muss zugeben, dass ich in dieser Saison zunehmend weniger Lust habe, mir die Spiele live im Stadion anzuschauen. Mich hat ehrlich gesagt kein Spiel wirklich mitgerissen, die Mannschaft und die Spielweise erreichen mich überhaupt nicht mehr. Nun bin ich niemand, der sich über jeden Rückpass zum Torwart aufregt oder stets lockere Siege mit vielen Toren erwartet. Ich bin auch kein Taktik-Fuchs, der jeden Laufweg analysieren und in den Kontext der Gesamtdynamik auf dem Spielfeld setzen kann. Gerade deswegen kann und will ich auch gar nicht zu sehr in Fragen des Spielsystems einsteigen. Dennoch muss ich für mich feststellen, dass die Spielweise des VfB im aktuellen Stand der Implementierung nicht funktioniert (und daran ändert auch das gewonnene Pokalspiel gegen den HSV erst mal nichts). Drei Spiele gingen zuletzt in Folge verloren. Spiele gegen den Letzten und Vorletzten der Tabelle und gegen den Tabellenführer. Jedes Spiel erzählt sicherlich seine eigene Geschichte, niederschmetternd waren sie aber alle. Und wenn ich bedenke, dass ich mir das 6:2 sogar in Hamburg angetan habe, werde ich wirklich ungehalten.

Nochmal: Es war und ist nicht zu erwarten, dass der VfB ungeschlagen durch die Saison kommt und mit drölfzig Punkten Vorsprung Meister wird. Trotzdem finde ich die aktuelle Situation absolut unbefriedigend. Für mich bleiben mal wieder zu viele Spieler hinter ihren Möglichkeiten zurück oder können eben nicht (mehr) mehr. Ich verstehe die ständigen Rotationen in der Aufstellung nicht, sofern sie nicht aufgrund von Verletzungen oder Sperren stattfinden. Vielmehr ist die dem zugrunde liegende „Appeasment-Politik“ der sportlichen Führung aus meiner Sicht mit ein Grund für die aktuelle Lage. Tim Walter sagt immer, er stelle vor allem nach den Trainingseindrücken auf und biete so jedem die Gelegenheit in den Kader und die Startelf zu rücken. Das soll den Konkurrenzkampf anfachen und so alle zu Bestleistungen treiben. Tja, scheint wohl nicht zu funktionieren. Vielmehr steht an jedem Spieltag eine andere Mannschaft auf dem Platz, der es an Automatismen fehlt, wo Laufwege und Pässe nicht zueinander passen und auch die taktische Disziplin immer wieder zu wanken scheint. Und wo dann junge Spieler in ein Spitzenspieler geworfen werden, die in den letzten Woche lediglich Erfahrung in der Oberliga sammeln konnten. Nicht alles lässt sich Tim Walter anlasten, denn die teils hanebüchenen individuellen Fehler lässt er bestimmt nicht trainieren und er fordert bestimmt auch nicht von seinen Spielern, beste Torgelegenheiten zu vergeben. Auch deswegen ist die Forderung nach einer Entlassung Walters kompletter Unsinn.

Allerdings kommt zu den sportlichen Minderleistungen dann der Eindruck, dass zumindest in der Kommunikation nach außen relativ wenig Reflexion des eigenen Spiels stattfindet. Da kann nur der VfB sich selbst „ein Bein stellen“, eigentlich müsste man sich nur mal selbst belohnen und so viele Fehler kann man rein statistisch nicht nochmal in einem Spiel machen etc. pp.. Seriously? Der Grat zwischen Arroganz und Selbstbewusstsein ist (auch das wurde schon häufig geschrieben) bei Tim Walter schmal. Für mich ist die Außendarstellung aktuell aber schon wieder eine Wette darauf, dass es am Ende schon gut gehen wird. Das wollen wir natürlich auch hoffen, aber die Fallhöhe wird natürlich von Woche zu Woche größer. Sven Mislintat fordert Geduld vom Umfeld des VfB und hat damit auch nicht ganz unrecht. Allerdings sollten dann schon auch Argumente geliefert werden, warum Geduld weiter angebracht ist. Aktuell sehe ich da wenig. Pfiffe während des Spiels und zur Halbzeit sind natürlich trotzdem zu unterlassen.

Vom Winde verweht …

… ist wohl jetzt dann doch schon ein bisschen die Beziehung von Guido Buchwald zum VfB. Als Bewerber um das Amt des Präsidenten trotz eines Weltmeistertitels und der Unterstützung von seinen Kumpels Berthold und Klinsmann gescheitert, hat er erst mal medial wirksam zum Gegenschlag ausgeholt. So wie auch zuvor Matthias Klopfer, der seine Bewerbung zurückgezogen und dies in einem Selbst-Interview dann verkündet und begründet hat. Nebenbei: Netter kommunikativer Schachzug mit dem „Interview“. Da kann man schön steuern, was man den gerne sagen will und gibt dem Ganzen noch einen Anstrich von Unabhängigkeit (und setzt das gewünschte Framing).

Aber zurück zu den Inhalten. Sowohl Buchwald als auch Klopfer beklagen in ihren Äußerungen sowohl Fehler und Schwächen im Prozess der Kandidatenfindung als auch inhaltliche Differenzen. Beide deuten unter anderem mehr oder weniger deutlich an, dass nach wie vor Seilschaften und graue Eminenzen im Hintergrund die Fäden ziehen und den Präsident*innen-Posten nach eigenem Gutdünken besetzen wollen.

Nun sind wir Mitglieder und Fans des VfB in dieser Hinsicht gebrannte Kinder, haben wir nicht erst im Sommer die Präsidentschaft von Dietrich – definitiv ein Kandidaten der Strippenzieher – hinter uns gebracht. Angesichts des Vertrauensverlustes in den Verein ist es daher immer angebracht im Rahmen der Möglichkeiten sehr genau draufzuschauen und wachsam zu sein. Deswegen dürfen die oben genannten Vorwürfe auch nicht unbeachtet bleiben.

Es ist aber andererseits meiner Meinung nach aber auch völlig übertrieben, nun dem Vereinsbeirat alle möglichen Dinge zu unterstellen. Von der Steuerung des Gremiums durch Porth über die Installation eigener Kandidaten. Auch hier gilt: Man kann und muss den Prozess der Kandidatenfindung, getätigte Aussagen und dann auch die Entscheidung für die letzten beiden Personen kritisch begleiten. Sicher, die Kommunikation und Bekanntgabe der Kandidaten ist nicht unbedingt gut durchgelaufen. Erst wollte man aus Gründen des Datenschutzes nicht sagen, wer sich alles beworben hat, dann werden die Namen doch veröffentlicht. Außerdem wird man das Gefühl nicht wirklich los, dass der Vereinsbeirat immer eher zur Reaktion gezwungen ist anstatt hier das Heft des Handelns in der Hand zu halten. Dies geschieht aber wohl auch immer wieder aus Zwängen heraus, die der VB tatsächlich nicht zu verantworten hat und so dann einfach nur nachziehen kann (die Shortlist von Bewerbern sollte z.B. erst nach den beiden HSV-Spielen veröffentlicht werden – bis Klopfer dann vorher an die Öffentlichkeit gegangen ist).

Überraschend ist auf jeden Fall, dass mit Susanne Schosser und Martin Bizer zwei Kandidaten mit auf der Shortlist sind, über die vorher gar nichts bekannt war. Das muss ja zunächst auch erst mal nichts Negatives sein, bürdet den beiden genannten aber auf, sich im Falle einer Nominierung noch intensiver vorstellen und erklären zu müssen.

Überhaupt die Shortlist. Dass es nun eine solche Liste gibt ist nachvollziehbar und völlig üblich in jedem Prozess der Besetzung einer Stelle. Schließlich ergeben sich im Laufe der Zeit immer Einsichten, die manche Kandidat*innen besser qualifizieren als andere. Daher kann ich persönlich nichts verwerfliches daran erkennen, das Feld der Bewerber zu reduzieren. Klar ist aber auch, dass eine solche Liste immer zu Diskussionen führen wird. Warum der eine Kandidat darauf ist und der andere nicht, woher die Bewerbungen kommen und und und. Der Vereinsbeirat hat hier eigentlich eine unlösbare Aufgabe vor sich, weil man es nie allen wird recht machen können.

Ich persönlich finde es aber übertrieben, nun hinter jeder Handlung, jeder Kommunikation und jeder Person auf der Shortlist basierend auf Halbwissen und Vermutungen Verschwörungstheorien zu spinnen. Natürlich gilt auch hier: Augen auf und genau hinschauen, kritisch hinterfragen sowie auf Fakten basierend eine Meinung bilden (und ja, nicht zuletzt auch ein bisschen dem Bauchgefühl folgen). Klar ist aber auch: Einfluss werden wir „normalen“ Fans auf die Entscheidung für zwei Kandidaten nicht nehmen. Oder zumindest nur in dem Maße als dass der Vereinsbeirat sehr wohl weiß, welchem Gegenwind er sich aussetzt, wenn die Auswahl am Ende nicht sauber begründet werden kann und auch nur der Hauch eines Zweifels bleibt. Und den Gegenwind kann ich für diesen Fall schon versprechen …

Abschließend: Ich würde mir sehr wünschen, dass Claus Vogt als Kandidat nominiert wird, da ich gerne mehr über seine Konzepte und Ziele für den VfB erfahren möchte.