Ein Feuer, dass nicht brennt

Die Hinrunde der Saison 2019/2020 ist vorbei, Zeit für mich eine persönliche Halbzeitbilanz zu ziehen. Ich werde nicht groß auf Taktiken und Statistiken eingehen, das können andere besser als ich. Ich will erzählen, wie ich diese Halbsaison erlebt und empfunden habe.

Auf Twitter habe ich das zusammengefasst so formuliert:

In diesem Artikel will ich dann aber doch nochmal genauer darauf eingehen. Und nochmal: Dies ist meine ganz persönliche Sicht, jeder darf dies natürlich komplett oder in Teilaspekten anders sehen.

Anfangen möchte ich mit der aus meiner Sicht fatalsten Entwicklung: Bei mir hat es die Mannschaft zu keinem Zeitpunkt der Hinrunde geschafft, so etwas wie echte Identifikation zu erzeugen. Der Funke springt nicht über, allenfalls die unveränderliche Verbundenheit mit dem VfB an sich erzeugt so etwas wie eine Zusammengehörigkeitsgefühl. Von den Spielern (die ich auf gar keinen Fall persönlich angreifen will, da sind sehr viele nette Jungs dabei!) taugt bei mir keiner als Identifikationsfigur. Und das gilt ausdrücklich auch für die Herren Gomez und Didavi, die dem ja eigentlich noch am ehesten nahekommen sollten. Ich habe mir viele Gedanken dazu gemacht woran das liegen könnte und bin dabei für mich auf ein paar Ansätze gekommen:

  • Nach der letzten Saison gab es eine noch nie dagewesene Umwälzung im Kader des VfB, kaum ein Spieler der Abstiegssaison ist noch im Kader. Das ist für den Fan natürlich eine Herausforderung, genauso aber auch für die Spieler, die sich erst im neuen Verein etablieren müssen. Und das ist ein langer (und hier offensichtlich sehr steiniger) Weg.
  • Wenig überraschend ist es bei einer Sportmannschaft so, dass der fehlende Erfolg ebenfalls nicht gerade dazu beiträgt, sich mit dem Team zu identifizieren. Und dabei ist ja nicht so, dass es nur Einzelne sind, die Schwankungen in der Leistung unterworfen sind. Nein, mit zunehmendem Verlauf der Saison scheint (fast) die ganze Mannschaft davon betroffen zu sein.
  • Ich habe den Eindruck, dass mit zunehmendem Verlauf der Saison bei den Spielern immer mehr auch die Körpersprache dem (kolportierten) Innenleben der Mannschaft entspricht. Ich nehme den Spielern nicht mehr wirklich ab, dass sie mit Spaß und aufrichtigem Engagement ihren Job ausüben. Und warum soll ich mich dann für so eine Truppe begeistern?
  • Ich für mich würde nicht sagen, dass der Umstand relevant ist, dass einige Spieler „nur“ ausgeliehen sind und mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den VfB nach der Saison wieder verlassen werden. Ich könnte auch mit solchen Spielern eine Verbindung aufbauen, denn sie spielen ja JETZT für den VfB. Allerdings mag es andersrum schon so sein, dass die ausgeliehenen Spieler in diesen Aspekt der Arbeit weniger investieren als in andere.

Neben diesen Punkten spielt schon auch der gebotene Fußball eine nicht unwesentliche Rolle darin, dass ich aktuell kaum Spaß am VfB habe. Bei allem Verständnis dafür, ein neues Spielsystem zu etablieren (etwas, dass wir Fans ja durchaus auch gefordert haben) und den damit einhergehenden Schwierigkeiten bleibt doch festzuhalten, dass der Fußball einfach nur langweilig und uninspiriert wirkt. Sich an irgendwelchen Statistiken hochzuziehen (Ballbesitz!!) ist da nur ein Symptom einer tieferliegenden Ursache.

Der Mannschaft wurde eingeimpft alles über das Passspiel zu lösen, Raumgewinne geschehen nur durch dieses. Meiner Meinung nach wird dadurch aber jeder Spieler von der Verpflichtung entbunden selbst auch mal Verantwortung zu übernehmen. Verantwortung im Sinne von Läufen mit dem Ball oder eines Dribblings. Nicht umsonst ragen Spieler, die sich hier ab und zu ein Herz nehmen, etwas aus dem Rest der Mannschaft heraus (bestes Beispiel: Silas Wamangituka). Dazu kommt, dass die Spieler ganz überwiegend immer die sichere Variante bei ihren Pässen wählen und so in den freien Raum startende Mitspieler nur sehr selten tatsächlich angespielt werden. Und wenn dann mal so ein Pass kommt, dann ist er oft so schlampig gespielt, dass der Ball verloren geht. Dass die ständig kurz ausgeführten Ecken nach einer Passfolge auch gerne mal wieder beim eigenen Torwart landen will ich an dieser Stelle gar nicht weiter vertiefen. Und so leid mir das auch tut: das wirkt auf mich oft ängstlich.

Die Angst kommt vielleicht aus den ersten Spielen, als man zwar mutiger und variabler nach Vorne gespielt hat, hinten dafür aber oft völlig offen war und entsprechend Tore kassiert hat. Zur Stabilisierung wurde wahrscheinlich darauf hingearbeitet, die Quote für den Ballbesitz noch weiter nach oben zu treiben um dem Gegner erst gar keine Chance auf eigene Aktionen zu geben. Das Ergebnis ist jetzt zu besichtigen: Der VfB dominiert in dieser Statistik die Liga, kassiert aber weiterhin noch immer viel zu viele Tore (gerne auch mal in den ersten Sekunden oder Minuten des Spiels). Man kann nicht sagen, dass sich der Fußball der Brustringträger in den letzten Monaten nicht weiterentwickelt hätte. Offensichtlich ist diese Entwicklung aber zu marginal, um hier einen echten Unterschied zu machen.

Den Trainer kann man in diesen Ausführungen natürlich nicht außen vor lassen, schließlich ist er derjenige, der Spielsystem und Taktik vorgibt, die Mannschaftsaufstellungen macht und den Kader moderiert. Tim Walter polarisiert und wandelt oft auf dem mittlerweile zur Genüge zitierten „Schmalen Grad“ zwischen Selbstbewusstsein und Arroganz. Dass wusste man (Verein & Fans) schon vor bzw. mit Beginn seiner Verpflichtung und konnte sich darauf einstellen. Tatsächlich verstehe ich dann oft auch nicht die Aufregung, die um einige seiner Aussagen entsteht. Man kann diese ja grundsätzlich für deplatziert oder falsch halten, überraschend kommen sie aber zumindest nicht. Überraschend ist eher, dass es ja innerhalb der sportlichen Leitung schon desöfteren gekracht zu haben scheint. War man sich denn da nicht bewusst, welchen Trainertyp man sich da ins Haus holt? Oder hat man darauf vertraut, dass Tim Walter schon „einknicken“ und sich von seinem Weg abbringen lassen würde? Wenn ja, dann hat man hier wohl gewaltig daneben gelegen.

Tim Walter macht wie jeder Mensch Fehler oder triff zumindest schwer nachvollziehbare Entscheidungen. Der bisherige Stand der Weiterentwicklung der Mannschaft und des Spielstils haben nicht dazu geführt, dass der VfB die Rolle in der Liga einnimmt, die er mit den vorhandenen Voraussetzungen eigentlich innehaben sollte. Die Berücksichtigung oder Nichtberücksichtigung von Spielern wirkt von Außen gesehen zunehmend willkürlich und sollte so wahrscheinlich auch innerhalb des Teams zu Unruhe führen. Ebenso der Einsatz von Spielern auf für sie fremde oder zumindest ungewohnten Positionen. Dazu hat Walter für mich noch keinen einzigen Spieler individuell besser gemacht, das Beispiel Philipp Klement zeigt eher das Gegenteil. Und auch seine Außenwirkung wahr über weite Strecken nicht dem angemessen, was da wöchentlich auf den Fußballplätzen der 2. Liga vom VfB geboten wurde. Die Frage, die Sven Mislintat und Thomas Hitzlsperger nun beantworten müssen ist die, ob man Tim Walter selbst diese persönliche Weiterentwicklung zutraut. Nach allem was man so hört, scheint hier die Luft aber dünner zu werden (wer weiß, ob Walter mit Veröffentlichung dieses Beitrages überhaupt noch Trainer beim VfB ist).

Die Folge aus all dem jetzt gesagten ist für mich, dass die Spiele im Stadion zunehmend ätzender geworden sind. Ich beobachte mich selbst immer häufiger dabei, mich über Tore nicht mehr zu freuen, sondern sie einfach hinzunehmen (und das hat nicht nur, aber auch, mit dem VAR zu tun). Am TV ist das vielleicht noch nachvollziehbarer, im Stadion aber, in dem eigentlich als Zuschauer vor allem die Emotionen zählen, ist das ein Alarmsignal. Meinem Eindruck nach scheine ich damit aber nicht alleine zu sein, in vielen Spielen war die Stimmung im Stadion irgendwie „komisch“. Der Support aus der Kurve ist natürlich weiterhin da, scheint aber auch gewissen Schwankungen zu unterliegen. Und teilweise ist es so leise, dass man die Kommandos auf dem Platz hören kann. Und das bei im Schnitt knapp 50.000 Zuschauern je Spiel …

Ich sehe schon die Kommentare vor mir, dass der VfB ja die Hinrunde auf dem dritten Platz beendet habe und der Aufstieg natürlich weiterhin möglich sei. Schließlich sind die beiden vor uns liegenden Mannschaften noch nicht uneinholbar davongezogen und es liegen noch 17 Spiele vor uns. Und außerdem müsse man der Mannschaft und dem Trainerteam weiterhin Zeit geben, das eigene Spielsystem zu entwickeln und zu implementieren. Da hilft es auch nichts, immer alles schlechtzureden. Und man solle doch auch mal Geduld haben. Und überhaupt!!!!

Das mag ja alles richtig sein und was ich hier geschrieben habe ist höchst subjektiv und basiert auf Beobachtungen eines durchschnittlichen Fußball-Fans (wie gesagt: ausgefuchste Taktik-Analysen und Statistik-Auswertungen können andere viel besser). Dennoch hat sich die geschilderte Gesamtstimmung nun über die letzten Monate aufgebaut und zu den Aussagen im Eingangs zitierten Tweet geführt. Und auch wenn die Verantwortlichen beim VfB genug Gründe dafür finden werden, solche Einschätzungen wegzudiskutieren und vehement zu widersprechen, so ist es doch für mich ein Alarmsignal. Ein Signal, dass mich nachdenklich macht und dazu führt, auch mich und meine Erwartungen an den VfB zu hinterfragen. Verlange ich zu viel?

Ich sage für mich: Nein! Denn tatsächlich sind es im Grunde nur zwei Dinge, die ich mir wünsche: Zum einen möchte ich natürlich, dass der VfB wieder in die 1. Bundesliga aufsteigt und zum anderen will ich einfach nur wieder Spaß daran haben, dem VfB beim Fußballspielen zuzuschauen (und das ist durchaus auch möglich, auch wenn man mal verliert). Und eigentlich liege ich damit ja voll auf der Linie, die der Verein zu Beginn der Saison auch ausgegeben hat. Von überzogenen Erwartungen kann man also wirklich nicht sprechen. Oder?

All das ändert natürlich nichts an meiner „Liebe“ (ist schon auch irgendwie ein großes Wort …) für den VfB! Diese Liebe ist es ja, die mich immer wieder trotz besseren Wissens ins Stadion pilgern lässt, wegen der ich Merchandise kaufen und auch diesen Blog und den Podcast betreibe. Aber zumindest die Lizenzspielermannschaft ist bei mir gerade eher ein Feuer, dass nicht brennt.

Abschließend stehe ich auch heute noch zu diesem Tweet (von den teilweise dummen Antworten darauf mal abgesehen). Die NACHSPIELZEIT ist unter anderem Ausdruck dessen.