Ein Kessel Buntes

In den letzten Wochen haben sich rund um den VfB ein paar Themen angesammelt, die ich bisher im Blog nicht behandelt habe und daher an dieser Stelle in etwas kürzerer Form zumindest aufgreifen will. Daher heute mal ein wilder Ritt durch Positives, leider aber auch Negatives.

Somewhere over the Rainbow

Irgendwo am Ende des Regenbogens scheint auch der VfB die Erkenntnis gefunden zu haben, dass man sich heutzutage als großer Sportverein nicht mehr von einer Positionierung zu gesellschaftlichen (nicht notwendigerweise politischen) Themen zurückziehen kann. Und so ist es absolut begrüßenswert (und längst überfällig), dass der Club aus Cannstatt nun anlässlich des Valentinstages klar kommuniziert hat, dass er hinter jeder Form gleich- oder gemischtgeschlechtlichen Liebe steht. So etwas wünsche ich mir schon lange von meinem Herzensverein!

So ganz kann ich dann aber auch bei diesem Thema nicht ganz aus meiner Haut (erinnert Euch: „Der, der alles kritisch hinterfragt“™️) und finde, dass die Verknüpfung mit einer Marketing-Aktion nicht ganz so glücklich ist. Ich weiß von einer Twitter-Diskussion, dass das vielen NICHT so geht und ihnen wichtig ist, dass die Botschaft überhaupt so kommuniziert wurde. Ich für meinen Teil halte dem entgegen, dass die Aktion auch ohne diesen Zusatz hervorragend funktioniert hätte. Und wenn man dann das „Liebt doch, wen Ihr wollt, Hauptsache Euer Herz schlägt für den #VfB! ⚪❤️🌈“ am 14.2. als alleinstehende Aussage veröffentlicht hätte, dann wäre meiner Meinung nach die Wirkung noch viel größer gewesen. Tatsächlich würde mich mal interessieren, wie hier der Rücklauf auf die Aktion war. Vielleicht hat dieser Zusatz sogar die eigentliche Werbebotschaften etwas zu sehr überstrahlt?

Dennoch: So etwas wäre vor einem Jahr ganz grundsätzlich sicherlich völlig undenkbar gewesen und so muss man auch für diese kleinen Fortschritte dankbar sein. Und ganz davon abgesehen stehe auch ich natürlich völlig hinter dieser Aussage!

Finger weg!

Der absolute Tiefpunkt der letzten Wochen war für mich das, was Sarah erleben musste:

Noch schlimmer: So etwas gehört ganz offensichtlich zum Alltag in deutschen Stadien oder deren Umfeld und viel zu viele Frauen müssen so etwas immer wieder erleben. Etwas, über das ich mich als Mann einfach nur abgrundtief für meine Geschlechtsgenossen schämen kann. Zumal ich persönlich überhaupt nicht nachvollziehen kann, was einen Mann dazu treibt, so etwas zu tun. Nichts könnte mir selbst ferner liegen.

Klar, man kann sich dem ganzen intellektuell nähern und wird sicherlich „Gründe“ dafür finden, was Männer zu diesen Übergriffen treibt. Ist mir aber letztendlich alles egal, solches Verhalten ist absolut inakzeptabel und muss mit allen zur Verfügung stehenden Mitteln bekämpft werden! Und dabei geht es ja nicht nur um tätliche Übergriffe sondern auch um den für zu viele Männer allzu gewohnten (verbalen) „Alltags-Sexismus“:

„Frauen haben keine Ahnung vom Fußball und haben im Stadion oder gar (noch schlimmer!) auf dem Platz nichts zu suchen!!11!!“.

„Wie wärs denn mit uns beiden?“

“Du [beliebiges Schimpfwort einsetzen], du gehörst mal ordentlich [beliebige sexuelle Handlung einsetzen]!!!!!!“

Ich möchte an dieser Stelle das Thema gar nicht weiter vertiefen, dazu gibt es nämlich bereits sehr gute Texte bzw. eine Podcast-Folge, die ich Euch unbedingt empfehle (Links folgen gleich). Für mich ist klar, dass ich mich solchen Vorfällen immer entgegenstellen werde. Genau so wie bei Rassismus. Oder Homophobie. Und ich möchte jeden auffordern, dass im Rahmen der Möglichkeiten ebenso zu tun. Das mindeste, was wir alle leisten können, ist die betroffenen Menschen mit ihren Erlebnissen ernst zu nehmen und solche Verhaltensweisen nicht einfach als gegeben hinzunehmen. Bewusst damit umzugehen und an einer Verbesserung zu arbeiten. Das beginnt bei sich selbst, sollte da aber nicht aufhören.

Max hat auf Rund um den Brustring einen tollen Text dazu geschrieben, der auch betroffene Frauen zu Wort kommen lässt. Und auch Thomas hat bei Stuttgart.International etwas dazu geschrieben. Der Podcast FRUEF (Frauen reden über Fußball) beschäftigt sich in Folge 5 ebenfalls mit dem Thema „Sexualisierte Gewalt im Fußball.

Analyse und dann?

Nach der nun wirklich nicht zufriedenstellenden Hinrunde war klar, dass man sich im Verein würde zusammensetzen und über Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft sprechen würde. Zu sehr hinkt(e) der VfB den eigenen Erwartungen hinterher. Weder war auf dem Platz eine Weiterentwicklung erkennbar, noch kam und kommt man in der Tabelle wirklich voran. Im Gegenteil: Verlorene Spiele gegen Mannschaften v.a. aus der hinteren Tabellenregion belasten den Tabellenstand wahrscheinlich bis zum Saisonende. Denn sind wir ehrlich: Bei Spielen gegen den 17. und 18. der Tabelle muss eine Mannschaft, die quasi zum Aufsteigen verdammt ist, diese Zähler einfach holen. Punkt.

Zusammengesetzt hat sich die sportliche Führung dann ja auch und als Konsequenz der erfolgten Analyse am 23.12. den Trainer Tim Walter entlassen. Und das wars dann auch schon.

Nun ist mir schon klar, dass eine solche Analyse intern erfolgt und dort auch bleiben soll. Es hat außerhalb des unmittelbar betroffenen Personenkreises auch niemand ein Anrecht darauf Details zu erfahren, alles Andere wäre unseriös.

Ein bisschen Selbstreflektion nach Außen hätte ich aber von Sven Mislintat und ggf. auch Thomas Hitzlsperger dann doch erwartet. Man könnte darüber sprechen, dass manche Entscheidungen leider nicht den Erfolg gebracht haben, wie man es sich gedacht hat. Dass darauf folgend sicherlich auch Entscheidungsprozesse nochmal angeschaut und an Verbesserungen gearbeitet wurde. Dass man auch mit der Mannschaft Gespräche geführt hat, da selbstverständlich auch diese durchaus einen Anteil am suboptimalen Verlauf der Hinrunde haben. Die grundlegende Strategie sich nicht ändern wird, man aber Details in diesem Zuge nochmal kritisch hinterfragt hat. Und als vorläufiges Ergebnis dessen dann mit Pellegrino Matarazzo einen Trainer verpflichtet, der in so vielem ganz offensichtlich ein Gegenentwurf zu seinem Vorgänger ist. Dessen Verpflichtung aber trotzdem der in der AG vorgegeben Linie folgt.

Ich höre schon die Stimmen derjenigen, die sagen, dass man sich so ein allgemeines Blabla ja sparen kann und das einem (und dem VfB) sowieso nichts bringen würde. Sehe ich halt etwas anders, da ein gesundes Maß an Selbstkritik allen gut zu Gesicht steht. Und das nicht nur, aber auch, wenn man in der Öffentlichkeit steht.

Wohltuend anders

Aber kommen wir doch nochmal zu etwas Positivem: Dem neuen Trainer Pellegrino Matarazzo. Einem Menschen, der sehr zurückhaltend auftritt, mehr mit fachlichen Aussagen denn mit markigen Sprüchen auf sich aufmerksam macht und auf die Fragen Holger Lasers bei VfB TV (die alle ja immer schon die Antwort enthalten) auch mal nur mit „Ja“ antwortet. Wie oben schon geschrieben also ein in weiten Teilen deutlicher Gegenentwurf zu Tim Walter.

Klar, auch bei Matarazzo muss man erst mal den Ball flach halten. Es sind erst wenige Spiele unter seiner Führung absolviert und auch wenn eine vorsichtig positive Entwicklung der Mannschaft erkennbar ist, so gibt es doch noch immer die viel zitierte „Luft nach oben“. Das sagen alle, egal ob Sportchef, Trainer oder Mannschaft, es wird nun aber darauf ankommen, diese Potentiale auch wirklich besser auszuschöpfen.

Dass dies dringend notwendig ist zeigt ein Blick auf die Tabelle, in der der VfB weiterhin nicht über den dritten Platz hinauskommt. Sicher, sowohl die Arminia als auch der HSV müssen noch im Neckarstadion antreten und zumindest in den letzten Spielen hat der VfB eine so wichtige Heimstärke bewiesen. Dennoch ist nicht davon auszugehen, dass diese entscheidenden Spiele ein Selbstläufer werden. Ebensowenig sollte man sich darauf verlassen, dass die Konkurrenz noch eine Schwächephase erleben wird. Angesichts der Tatsache, dass in der aktuellen Konstellation die Relegation drohen würde und ich definitiv NICHT davon überzeugt bin, dass der VfB diese erfolgreich wird gestalten können, schaue ich doch mit Sorge auf die restliche Saison. Leider hat man sich selbst in die Lage hineinmanövriert, dass man sich keinen Ausrutscher erlauben kann um nicht den Anschluss an Platz 2 zu verlieren. Eine Spannung, auf die ich persönlich gerne verzichtet hätte.

Und sie bewegen sich doch!

Über Jahre und Jahrzehnte etablierte Strukturen lassen sich nicht so leicht aufbrechen, das erleben wir aktuell auch beim VfB. Gewohnte Verhaltensmuster müssen verändert, Zuständigkeiten neu geklärt und Prozesse hinterfragt werden. Typisches Change-Management eben. Der VfB ist da nicht anders als viele Wirtschaftsunternehmen, wird aber doch einem Teil des Vereinsnamens immer häufiger gerecht und bewegt sich tatsächlich. Eine kleine Auswahl:

  • Der Präsident Claus Vogt und Vorstandsvorsitzende Thomas Hitzlsperger sind tatsächlich deutlich zugänglicher, als es andere Personen in diesen Ämtern in der Vergangenheit waren.
  • Man forciert den Bereich CSR und kooperiert zum Beispiel mit dem NABU.
  • In der AG wird ein neuer Bereich „Unternehmensstrategie“ geschaffen, der den VfB in diversen Feldern weiterentwickeln und zukunftsfähig machen soll. Ein in meinen Augen sehr notwendiger Schritt.
  • Der VfB veranstaltet einen Hackathon zum Thema „Mobilität“ und steigt so hoffentlich in ein regelmäßig wiederkehrendes Format ein.
  • Man beschließt ein Präventionskonzept für Kinderschutz (hatte ich gar nicht mitbekommen …)
  • Man positioniert sich eindeutig zu einem gesellschaftlich relevanten Thema. Habe ich schon erwähnt, wie gut ich das finde? 🌈

Auch ganz persönlich kann ich sagen, dass ich in den letzten Wochen einige sehr konstruktive und angenehme Gespräche mit verschiedenen Personen beim VfB geführt habe. Manches wird vielleicht in der NACHSPIELZEIT seinen Niederschlag finden, anderes bleibt unter den am Gespräch beteiligten Personen. Insgesamt aber durchaus positive Erfahrungen.

Der VfB mit seinen Mitarbeitern, aber auch wir Fans und Mitglieder haben da noch einen weiten Weg vor uns. Auf dem man sicherlich immer mal wieder auf Hindernisse stoßen und vielleicht auch mal Rückschläge erleiden wird. Ich finde es aber wichtig, dass man sich aufgemacht hat, diesen Weg zu beschreiten. Denn wie heißt es es so schön: „Auch die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt.“